Archiv für Oktober 2008

// 23.10. – 09.11. – wider das vergessen!

Eine Pressemittteilung der Antifaschistischen Offensive Neubrandenburg, des Antifaschistischen Jugendbündnis Neubrandenburg und des Infoladen „…Stunk!“ vom 17.10.08

Vom 23.10. – 09.11.08. führt ein Bündnis antifaschistischer Initiativen die Veranstaltungsreihe „Wider das Vergessen – Aktionswochen gegen Antisemitismus“ in Neubrandenburg durch.

Antisemitismus ist in vielen Ländern wieder salonfähig geworden. Hass auf das jüdische Volk wird immer häufiger offen propagiert. Vermehrt kommt es auch in Mecklenburg-Vorpommern wieder zu antisemitischen Vorfällen. Seien es die Schändung von jüdischen Friedhöfen, das Rufen von antisemitischen Parolen oder gar Gewaltattacken mit judenfeindlichem Hintergrund. Auch die alten Erklärungsmodelle wie „die jüdische Weltverschwörung“ oder „der an allem Schuld seiende Jude“ kommen wieder in Mode. Diese Tatsachen machen deutlich, dass auch heute noch antisemitische Einstellungen in der Bevölkerung Mecklenburg-Vorpommerns tief verankert sind.
70 Jahre nach den Pogromen vom 9. November 1938 soll dem Vergessen entgegengewirkt werden. Aus diesem Grund führen wir vom 23.10. – 09.11.08 in Neubrandenburg die Veranstaltungsreihe „Wider das Vergessen – Aktionswochen gegen Antisemitismus“ durch. Mit Theater, Filmen, Vorträgen und einer Lesung soll auf das Thema aufmerksam gemacht werden. Unser Ziel ist es mit diesen verschiedensten Formen einen Zugang zur Problematik Antisemitismus zu schaffen – woher kommt er, wie äußert er sich, wie kann ihm begegnet werden.

Das Programm:

Donnerstag, 23.10. // Lesung „Auf einmal waren wir Judenkinder“ von Hans-Joachim Roeseler
* 19.00 Uhr (Einlass 18.30 Uhr)
* Hochschule Neubrandenburg (kleiner Hörsaal)

Mittwoch, 29.10.08 // Vortrag „Zur Geschichte des Antisemitismus“
* 19.00 Uhr
* Alternatives Jugendzentrum Neubrandenburg e.V.

Samstag, 01.11.08 // jüdische Theatergruppe Mechaje : „Mit Liedern und Tanz für mehr Toleranz“
* 15.00 Uhr (Einlass 14.30 Uhr)
* Gesellschaft der Liebhaber der Theaters (Oststadt)

Mittwoch, 05.11.08 // Themenbezogener Filmabend
* 19.00 Uhr
* Alternatives Jugendzentrum Neubrandenburg e.V.

Samstag, 08.11.08 // Vortrag „Antisemitismus in der DDR und heute“
* 18.00 Uhr
* Alternatives Jugendzentrum Neubrandenburg e.V.

Sonntag, 09.11.08 // antifaschistischer Spaziergang mit vorherigem Frühstück
* 11.00 Uhr
* Alternatives Jugendzentrum Neubrandenburg e.V.

// schon vergessen?

Vergangenen Donnerstag (09.10.08) wurde der Lehrpfad Zwangsarbeit in der Nordstadt eingeweiht. Er soll an die Menschen erinnern, die in Neubrandenburg während der Zeit des Nationalsozialismus zur Arbeit in der hiesigen Rüstungsindustrie gezwungen wurden. Der Pfad besteht aus vier Informationsstelen und einer Einführungstafel.
Zur Zeit der Nazi-Diktatur wurde auch in Neubrandenburg der Militär- und Rüstungsapparat stark ausgebaut. Vor allem im Norden der Viertorestadt entstanden Unternehmen, die für die Rüstungsindustrie arbeiteten.
Zwischen der Demminer und Wolgaster Straße gründete der Unternehmer Curt Heber 1934 ein Rüstungswerk, das ab 1937 verstaatlicht und in Mechanische Werkstätten Neubrandenburg GmbH (MWN) umbenannt wurde. Das Unternehmen produzierte unter anderem Lafetten für Flugzeugkanonen, Bombenabwurfgeräte, elektrische Bombenzündmechanismen, Fahrwerkteile für Düsenjäger, Infanteriewaffen, sowie Teile für die so genannte Vernichtungswaffe 1. Getreu der Devise „Vernichtung durch Arbeit“, kam es im Werk ab 1939 verstärkt zu Einsätzen von Zwangsarbeiter_innen. Bis 1944 stieg ihre Zahl auf über 7000 an, wobei es sich vor allem um Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge handelte.


Die Einführungstafel und die erste Stele in der Wolgaster Straße. Sie thematisiert die MVN, die sich von 1937 bis Kriegsende hier befanden.

1942 wurde vom Werk in der Ihlenfelder Straße (nördlich der Ihlenfelder Vorstadt) das Zwangsarbeitslager Ost eingerichtet. Hier wurden die Arbeiter_innen unter unmenschlichen Bedingungen untergebracht. Das Gelände mit seinen zahlreichen Baracken wurde 1943 – nachdem westlich der Demminer Straße das Zwangsarbeitslager West entstand – zum Außenlager des Konzentrationslagers Ravensbrück umfunktioniert. Im Laufe der Zeit waren 5200 weibliche Häftlinge in dem Komplex untergebracht.


Die zweite Stele thematisiert das „Zwangsarbeitslager Ost“. Sie befindet sich vor dem ehemaligen Gelände in der Ihlenfelder Straße.

Ins Zwangsarbeitslager West wurden, nach der Fertigstellung 1943, die ausländischen Arbeitskräfte verlegt. Unter ihnen waren vor allem Gefangene aus Polen, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und der Sowjetunion. Auch hier hatten die Arbeiter_innen mit schwersten Lebensbedingungen zu kämpfen: Entkräftung durch die skrupellose körperliche Ausbeutung, Lagerwillkür der Aufseher_innen, Seuchen unter den Häftlingen; alles Probleme denen sie tagtäglich hilflos gegenüber standen.


Die dritte Stele informiert über das „Zwangsarbeitslager West“. Sie steht an der Demminer Straße, gegenüber dem früheren Gelände (heute nordöstliches Vogelviertel).

Am südlichen Teil der Sponholzer Straße befand sich ab 1925 das Holzverarbeitungswerk Richard Rinker KG. Es produzierte ab 1933 Rüstungsgüter und benutzte dafür ebenfalls die Arbeitskraft von Kriegsgefangen und KZ-Häftlingen. Auf dem Gelände befanden sich neben dem (noch heute vorhandenen) Wohnhaus des Firmenchefs Helmut Klostermann, auch zwei firmeneigene Barackenlager für die ost- und westeuropäischen Zwangsarbeiter_innen.


Die vierte und letzte Stele befasst sich mit den „Rinker-Werken“ und ist vor dem noch heute vorhandenen Haus des damaligen Firmenchefs in der Sponholzer Straße zu finden.

Das Projekt gliedert sich in das Gedenk- und Lehrpfadkonzept Spurensuche – Orte der Gewalt ein. Es soll die „historische Aufarbeitung der Diktaturen des 20. Jahrhunderts“ unterstützen. Dabei kam es schon am 01. Oktober zur Einweihung des Lehrpfads DDR – Staatssicherheit auf dem Lindenberg. Am 09. November findet die Einweihung des dritten und letzten Lehrpfads statt. An diesem Tag werden der neugebaute jüdische Gedenkplatz und zwei weitere Stelen (eine für den für den ehemaligen jüdischen Friedhof und eine für Isidor Heine – den letzten jüdischen Bewohner Neubrandenburgs) präsentiert.

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Das Projekt ist ein längst überfälliger Schritt zur Aufarbeitung und Präsentation einer oft verschwiegenen Vergangenheit unserer Stadt.

Mehr als fragwürdig ist dagegen die Ehrung der sich auflösenden 14. Panzergrenadierdivision Hanse .


Ebenfalls am 09. Oktober pflanzte Oberbürgermeister Krüger, zusammen mit Brigadegeneral Peter Goebel, am Wall, neben dem Boulevard eine Eiche „zur Erinnerung an die enge freundschaftliche Verbindung der Division zu ihrer Garnisionsstadt“, so heißt es aus dem Rathaus. Neben ihr befindet sich ein Findling mit installierter Bronzetafel.

Schon im Sommer wurde mit einem groß organisiertem „Fest“ von der Division Abschied genommen. Kinder konnten in der Innenstadt neben den eingefahrenen Panzern auf Hüpfburgen spielen. Im Marktplatz-Center konnten Schüler_innen eine Ausstellung besuchen. Offizier_innen und Soldat_innen stellten sich den Fragen der Meute. In diesem Taumel der Militär-Hysterie wurde von der Stadt immer wieder der „edle Einsatz“ der Division zum Elbhochwasser 2002 hochgehalten. Dass sie allerdings auch an den Einsätzen in Bosnien-Herzegowina, dem Kosovo, dem Balkan und Afghanistan beteiligt waren, wird – wenn überhaupt – nur am Rande erwähnt. Ausbildung zum Töten in völkerrechtswidrigen Kriegen ist scheinbar wieder aller Ehren wert. Soldaten mit Maschinengewehren in der Innenstadt sind keine Seltenheit mehr, die Presse stilisiert den militärischen Spuk zum Kult.
Die Ambitionen der Lehrpfade werden dadurch zur Farce. Denn wer das Militär (ver-)ehrt, muss vergessen haben, auf welche Geschichte es zurückblickt, in welcher Tradition es steht. Wir fordern die Stadt auf diesen Gedenkkult abzulegen und weiter an der Aufarbeitung der Stadtgeschichte zu arbeiten. Die Gedenkstelen können nur ein erster Schritt sein. Die Zwangsarbeit in den Unternehmen ist nur ein Kapitel des Nationalsozialismus in Neubrandenburg. Das Kriegsgefangenenlager (vor 1945), die Torpedoversuchsanstalt, der Fliegerhorst und das „Waldbau“-Lager sind weitere.

// 18.10. – solidarität


direkte Infos zu den Verhandlungen und anderen Solidaritätsaktivitäten gibt es hier