// geschichtsbewusst

Überall in Mecklenburg-Vorpommern wurde am vergangenen Sonntag den jüdischen Opfern der so genannten Pogromnacht gedacht. Vor 70 Jahren kam es in der Nacht vom 09. zum 10. November zu Gewaltexzessen, bei denen im gesamten Deutschen Reich Synagogen angezündet, jüdische Läden zerstört und geplündert, jüdische Friedhöfe geschändet und Jüd_innen umgebracht oder deportiert wurden. Die Pogrome gelten als Auftakt der systematischen Judenverfolgung im „Dritten Reich“.
Auch am kleinen Neubrandenburg gingen diese Geschehnisse nicht einfach so vorbei. Der SA-Mann Klaus Reinke steckte die 1877 geweihte Synagoge in der Poststraße in Brand; die Feuerwehr ließ das Gotteshaus ausbrennen und verhinderte lediglich ein Übergreifen der Flammen auf die anliegenden Gebäude. Auch die Friedhofskapelle und der Leichenwagen auf dem jüdischen Friedhof, sowie der Manufakturladen von Erich Wolff in der Treptower Straße fielen der Zerstörungswut zum Opfer.

Anlässlich dieser Geschehnisse wurde am Sonntag in der Stadt der Vier Tore der neue Synagogenplatz an der Stelle der ehemaligen Synagoge eingeweiht. Neben der schon vorhandenen Gedenkplastik, sind hier nun auch die 19 übriggebliebenen Grabsteine des ehemaligen jüdischen Friedhofs zu finden. Der Platz gliedert sich in das Gesamtkonzept des Lehrpfads „Spurensuche Orte der Gewalt – Jüdisches Leben in Neubrandenburg“ ein. Pünktlich um 17 Uhr trafen 150 bis 200 Bürger_innen am Platz ein, um gemeinsam den Opfern zu gedenken.



Neben den Vertreter_innen der Stadt, der verschiedenen Parteien, Vereinen und Initiativen, war auch das Antifaschistische Jugendbündnis zum Abschluss seiner Veranstaltungsreihe „Wider das Vergessen – Aktionswochen gegen Antisemitismus“ anwesend. Vom 23.10. bis 09.11. organisierte das Bündnis verschiedene Veranstaltungen.
Zu insgesamt sechs Terminen wurde auf das Thema Antisemitismus aufmerksam gemacht. Die emotionalste Veranstaltung stellte wohl die Lesung des Zeitzeugen Hans-Joachim Roeseler dar, der aus seinem Buch „Auf einmal waren wir Judenkinder“ vorlas. Etwa 30 Interessierte fanden an diesem Abend den Weg in den kleinen Hörsaal der Neubrandenburger Hochschule. Die theoretische Auseinandersetzung erfolgte bei den Vorträgen „Geschichte des Antisemitismus“ und „Antisemitismus in der DDR und heute“. Auch hier trafen sich Jung und Alt – auch, um im Anschluss gemeinsam über die jeweiligen Themen zu diskutieren. Kulturell wurde das Thema am 01. November mit der jüdischen Theatergruppe Mechaje bearbeitet, die bei den „Liebhabern des Theaters“ in der Oststadt auftrat. Am Sonntag war zu einem gemeinsamen Frühstück mit anschließendem Film ins AJZ in der Seestraße geladen. Danach machten sich etwa 20 Personen auf den Weg, um gemeinsam den neuen Lehrpfad zu begehen und der Gedenkveranstaltung beizuwohnen. Mit Transparenten, Aufklebern und Broschüren wurden auch Bürger_innen auf das Anliegen des Bündnisses aufmerksam gemacht.

Fazit

Bei einem – immer wieder unterschätzten und unterdrückten – Thema wie der Bekämpfung des Antisemitismus, kann im Falle der Aktionswochen ein positives Fazit gezogen werden. Es wurden etliche Wissenslücken geschlossen und es wurde viel diskutiert.

Das Gedenken an die Verbrechen der Geschichte, besonders der NS-Diktatur, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart und Zukunft. Gerade die Aufarbeitung der Verbrechen des Nazi-Regimes an der jüdischen Bevölkerung und allen anderen Opfern des Faschismus bedarf großer Aufmerksamkeit. Wahrscheinlich kennen wir auch heute noch nicht das vollständige Ausmaß der Gräueltaten des deutschen Faschismus. Besonders wichtig ist es, jetzt, wo NPD und DVU versuchen, sich in Stadtvertretungen, Landtagen und in den Köpfen der Menschen breit zu machen, auf die Vergangenheit aufmerksam zu machen. Auch das Aufstreben so genannter Kameradschaften und der mit ihnen verbundenen „Autonomen Nationalisten“ macht deutlich, dass etwas geschehen muss, damit uns die Geschichte nicht erneut einholt. Um diesem Rechtsextremismus etwas entgegenzustellen, muss man sich und sein Umfeld ständig mit der Vergangenheit konfrontieren, um aus ihr zu lernen und neue Strategien im Umgang mit einer wiederkehrenden Bedrohung für Freiheit und Leben zu entwickeln.

Aus der Vergangenheit für die Gegenwart und Zukunft lernen! Damit das Jüdische Leben in Neubrandenburg und anderswo nicht in Vergessenheit gerät!

KEIN VERGEBEN – KEIN VERGESSEN!


1 Antwort auf „// geschichtsbewusst“


  1. 1 Administrator 21. November 2008 um 23:34 Uhr
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