Archiv für Juli 2009

von alten und neuen helden

Jedes Jahr am 20. Juli ehren Offizielle von Regierung und Militär den Mordanschlag der Nazi-Offiziersclique um Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf Adolf Hitler 1944. Zwar spricht nichts dafür, dass es Stauffenberg darum ging, den rassistischen, mörderischen Nationalsozialismus zu beseitigen, doch offenbar qualifiziert die bloße Absicht, Hitler töten zu wollen zum demokratischen, toleranten Menschen. Und da es offenbar an bürgerlichen, gut-deutschen Helden mangelt, sieht man es nicht so genau mit den historischen Tatsachen. Eifrig wird am Mythos Stauffenberg als eine Art demokratischen Urtyps gearbeitet. Der versuchte Tyrannenmord wird ohne wenn und aber zur einzigen vorbildlichen Heldentat stilisiert.

Für die Bundeswehr ein gefundenes Fressen, wieder militärische Tugenden in die Gesellschaft zu tragen. Ruhm, Ehre, Tapferkeit und Heldenmut finden sich auf Abzeichen, Urkunden und auch bald auf Denkmälern. Das „Öffentliche“ (sic!) Gelöbnis vor dem Reichstag ist bereits etabliert.

Wie andere Gruppen zuvor, haben sich auch in Neubrandenburg erneut Menschen zusammen gefunden, die so ihre Zweifel an der Aufrichtigkeit der vielen Bürger_innen in Uniform haben, die zum Morden ausgebildet, dafür bezahlt und geehrt werden. Wiederholt wurde darum der Gedenkstein für die Panzergrenadierdivision „Hanse“ verschönert:

Die Militarisierung der Gesellschaft kann von uns nicht hingenommen werden. Wir stellen uns gegen die Verharmlosung von einer „weltweit agierende Interventionsarmee’’. Das Gerede von den „humanitären oder friedenschaffenden Einsätzen“ täuscht nicht darüber hinweg, dass in der Bundeswehr das Mordhandwerk gelehrt und gelernt wird, um Krieg gegen andere Länder zu führen. Genauso wenig ist die Bundeswehr dazu da, „das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“ – im Gegenteil: Mit dem geplanten Bundeswehreinsatz im Inneren sollen in Zukunft die Streitkräfte gegen die Bevölkerung eingesetzt werden können, gegen Massenproteste und Streiks. Nicht zu Verteidigung, sondern zur Unterdrückung von Freiheitsrechten.

den ganzen Text gibt’s bei Indymedia

Keinen Frieden mit der Bundeswehr!
Soldaten sind Mörder, keine Helden!

nord(ic) kurier

Nur wenigen Aufmerksamen dürfte es aufallen, doch genau darin liegt das Problem: immer wieder schafft es die Neonazi-Kleidermarke Thor Steinar durch ihre Träger_innen in die Medien, die sich so zum Werbeträger menschenverachtender Ideologie machen. Nazis senden, ohne sich stumpfer Parolen oder auffälliger Symbolik bedienen zu müssen, Signale an ihre Gesinnungsgenoss_innen und an alle, die es werden wollen. Noch dazu bekommen die Vertreiber_innen der Textilien kostenlose Werbung für ihre Produkte.

Seit mehreren Jahren klären Antifagruppen über den Hintergrund der Marke auf, immer wieder gab es Demonstrationen, Flugblätter, Offene Briefe und Aufkleber. Insbesondere in Mecklenburg-Vorpommern war das Thema durch Naziläden wie die ECC in Rostock oder Zutt’s Patriotentreff in Waren in der Diskussion. Doch vielen ist noch immer nicht klar, dass im Falle von Thor Steinar Kleider tatsächlich Leute machen.
Die Symbolik und Aussagekraft der Marke zielt unzweifelhaft auf Neonazis. Doch geht die Strategie der Gründer dahin, auch jenseits der eigenen Szene Abnehmer_innen zu finden. Man will nicht nur Zulieferer für die bereits Bekehrten sein, sondern breite Öffentlichkeit für die modische Nazi-Klamotte schaffen. Mit äußerst zweideutigen, für das ungeschulte Auge nichts-sagenden, Botschaften und nordischer Mythologie gibt sich die Marke normal und unpolitisch. Zudem soll es Nazis so auch möglich sein, sich untereinander zu erkennen, auch wenn sie sich nicht gerade Schriftzüge wie „Opa war in Ordnung!“ oder „Aryan Warriors“ auf T-Shirts durch die Gegend tragen. So hat sich die Marke innerhalb weniger Jahre in der gesamten Naziszene durchgesetzt und findet sich nahezu uniform bei Naziaufmärschen und Rechtsrock-Konzerten.

Demouniform Thor Steinar

Finden sich dann übereifrige Schreiberlinge wie Roland Gutsch vom Nordkurier, der den netten Nazi aus dem Oberhavelkreis beim Intelligenzwettbewerb „Allcartreffen“ im Nazi-Chic ablichtet und auf Seite 2 des Lokalteils (Neubrandenburger Zeitung vom 20.07.2009, S. 12) bringt, ist das Ziel der Marke wohl erreicht: unfreiwillige Bewerbung und Akzeptanz von Nazi-Devotionalien in den Medien der ominösen Mitte der Gesellschaft.

Es ist beschämend, dass ganz offensichtlich selbst unter Journalist_innen derart leichtfertig mit der Nazimode umgegangen wird.
Es geht dabei nicht um ein paar T-Shirts. Es geht um eine offene Auseinandersetzung mit den teils sehr subtilen Repräsentationsformen neofaschistischer Gesinnung. Thor Steinar ist keine Marke wie jede andere. Thor Steinar findet sich (noch) nicht in einem Geschäft wie jedem anderen.
Wer Thor Steinar trägt ist Gesinnungstäter – da gibt es kein „aus Versehen“ oder „nicht gewusst“. Und genau darum ist von einem verantwortungsvollen Journalisten ein offenes Auge zu erwarten, wenn er einen Neonazi vor sich hat.

Stopp Thor Steinar!

[w³] mehr über die Hintergründe der Nazimarke

zahnlose tiger

Gestern versammelte sich die im Juli neu gewählte Neubrandenburger Stadtvertretung zu ihrer konstituierenden Sitzung. Erstmalig auch als Teilnehmer dabei: der Neonazi Jens Blasewitz vom Lindenberg.
Als seine Fans unter anderem mit von der Partie: Norman Runge aus Burg Stargard (Angestellter bei der Diakonie in Weitin und ehemaliger Gemeindevertreter in Burg Stargard) und der 2006er Landtagskandidat Sven Leibnitz (MST-II/MÜR-II 9,1%).

Der Antifaschistische Widerstand gegen den ersten bekennenden Neonazi in der Neubrandenburger Stadtvertretung gab nur ein kurzes Zwischenspiel vor dem Rathaus, als etwa 20 Jugendliche ein Transparent mit dem Spruch „Konstruktive Politik statt Nazi-Parolen“ entfalteten um gegen Blasewitz zu protestieren.
Im Rathaus ging es jedoch wesentlich entspannter zu. Von der wehrhaften Demokratie war nicht viel zu spüren. Ganz offensichtlich hatten sich die so genannten demokratischen Parteien darauf geeinigt, den Neuen im Ratssaal, hinten rechts neben der FDP, zu ignorieren. Man hofft wohl, dass es still bleibt um den bislang unauffälligen Blasewitz. Keine unnötigen Reibereien, die ihn aus der Reserve locken könnten. Keine Aktionen, die die Stadtvertretung für Medien und Bürger interessant machen könnten. Keinen Eklat wie anderswo – mensch könnte ja denken, Neubrandenburg hätte ein Naziproblem?!? So zeigte sich die Wehrhaftigkeit nur in schüchternen Nebensätzen, in denen für ein friedliches, demokratisches und anständiges Miteinander plädiert wurde.
Mit keiner Silbe wurde in den vielen Worten der Begrüßung erwähnt, dass sich etwas verändert hat. Dass es ausreichend Neubrandenburger_innen gab, die einem Rassisten und Faschisten ihre Stimme gaben und diesen so in die Stadtvertretung wählten. Dass dieser nun unter ihnen sitzt und unsere Stadt mitgestalten darf, so lange seine Organisation legal bleibt. Auch keine Ermutigung zum gemeinsamen Handeln gegen die menschenverachtende Idee, die Blasewitz vertritt, keine Gesten der Geschlossenheit, einfach… nichts! Stattdessen gab es Glückwünsche, Blumensträuße, Loblieder auf vergangene Legislaturen und das übliche Händeschütteln. Blasewitz selbst zeigte sich gelangweilt und tauschte höchstens verliebte Blicke mit Norman Runge aus, der ihn grinsend in die NPD-Kommunalparlamentsstrategie der inneren Emigration einwies, mit der dieser bereits in Burg Stargard punkten konnte.

Ein Thema totzuschweigen und zu ignorieren ist keine seltene Strategie der gegenwärtigen Politik. Die Waffe der Verdrängung funktioniert, wenn die Ausdauer der Verdrängten nur von zwölf bis Mittag reicht. Verfolgt Blasewitz mit seinem Mandat jedoch ein Interesse jenseits des Symbolischen, könnten unsere Kommunalpolitiker_innen noch ins Schwitzen kommen. Die Auseinandersetzung mit Naziparolen war bislang allenfalls mehr schlecht als recht der Spielplatz einiger Linker oder SPDler. Ein geschulterer, ambitionierterer Blasewitz als der gestrige wird der Stadtvertretung Probleme bereiten. Die Selbstbeweihräucherung der „aufrichtigen“ Demokraten hilft dann nicht weiter…

Es gibt keinen Königsweg in der Auseinandersetzung mit Nazis. Der Konfrontation dann aber völlig aus dem Weg zu gehen ist allerdings ein bedenklicher Vorgang. Die Ideologie hinter den Nazi-Parolen bleibt so nämlich im Verborgenen und wird nicht als Problem thematisiert. Die NPD-Vertreter_innen sammeln unbehelligt praktische Erfahrungen in kommunaler Politik. Beim nächsten Mal sind es dann vielleicht schon zwei, drei, viele Kandidaten, die gewählt werden und nicht mehr nur rumsitzen wollen. Die Demokraten in der Neubrandenburger Stadtvertretung haben sich auf ein gefährliches Experiment eingelassen und damit die Verantwortung für die Bekämpfung des Neofaschismus in unserer Gesellschaft von sich gewiesen.

Darum ist es wichtig, selbst aktiv zu werden.
Nazis aus der Deckung holen… auf der Straße, in den Parlamenten, überall!

Leibnitz
Nahkämpfer Blasewitz (18. Januar 2008)

Leibnitz
Sven Leibnitz (rechts)

Runge
‚Querdenker‘, ‚Philosoph‘…

Runge
… und Nazi-Aktivist Norman Runge (links)

wie oft?

Die Brutalität mit der Nazis gegen Menschen vorgehen, die ihrer Ansicht nach „anders“ sind, sorgt immer wieder für Erschrecken. Am vergangenen Sonntag wurde wieder offenbart, wie weit faschistischer Hass gehen kann – in Berlin schlugen vier polizeibekannte Neonazis einen alternativen Jugendlichen halb tot. Nachdem der junge Mann schon bewusstlos am Boden lag, brach ihm einer der Angreifer – mit einem so genannten „Bordstein-Kick“ – Schädel und Kiefer.

Aus diesem Anlass wird es am kommenden Samstag (18. Juli 2009 / 18.00 Uhr / Bersarin Platz / Berlin-Friedrichshain) eine große Bündnis-Demonstration gegen Nazi-Terror geben.

http://img148.imageshack.us/img148/2066/uebergriff.jpg

Wandelt Wut in Widerstand!
Nazis mit allen Mitteln bekämpfen – überall – jederzeit!

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Auch wenn es in letzter Zeit vergleichsweise ruhig war und die rechte Szene vor Ort schlecht organisiert zu sein scheint – Übergriffe von Neonazis sind auch in Neubrandenburg und Mecklenburg-Vorpommern keine Seltenheit.

Hingewiesen sei dabei auf einen Übergriff aus der vergangenen Woche: eine Gruppe von Neonazis ging in der Neubrandenburger Innenstadt auf alternative Jugendliche los und brach dabei einem von ihnen das Nasenbein – am helligten Tag, Passanten schauten zu – man kann von Glück reden, dass es „nur“ mit einem Schock und einer gebrochenen Nase endete. Die Täter stammen aus der vorpommerschen Kameradschaftsszene.
Erwähnt werden muss auch der brutale, hinterlistige Angriff auf den Jugendclub „Phönix“ in Güstrow. Nachdem sieben vermummte Neonazis den Club mit Flaschen bewarfen flüchteten die Jugendlichen zunächst in den Club. Die Angreifer folgten ihnen jedoch, schlugen mit Schlagstöcken auf die Anwesenden ein und demolierten die Einrichtung sowie Computertechnik. Dabei wurden vier junge Menschen verletzt, drei mussten ins Krankenhaus. „Wir haben uns in einem Hinterraum verbarrikadiert und gewartet, bis es vorbei ist“, berichtete eines der Opfer später.
Zwei Ereignisse, die für eine hohe Dunkelziffer stehen, also nur die Spitze des Eisbergs. Die meisten Übergriffe kommen erst gar nicht an die Öffentlichkeit, weil der politische Hintergrund verborgen bleibt/wird, oder weil sie schlichtweg nicht den Weg in die Medien finden.

Treffen kann diese Brutalität jede/jeden die/der nicht in das rechtsextreme Weltbild der Täter_innen passt. Dazu gehören vor allem Menschen aus dem (links-)alternativen Spektrum oder Menschen mit Migrationshintergrund. Rechte Gewalt – egal in welcher Form – braucht keine Organisation oder feste Strukturen, sie kann schon von ein, zwei, vielen Neonazis ausgehen; sie kann geplant sein oder spontan eskalieren.

Solidarität ist eine Waffe. Lasst die Opfer solcher Übergriffe nicht allein. Vor allem aber versucht nach Möglichkeit zu verhindern, dass diese überhaupt Opfer solcher Attacken werden. Organisiert euch, tauscht euch mit euren Kolleg_innen aus und macht zur Not auch von eurem Recht auf Selbstverteidigung gebrauch. Klärt eure Mitmenschen auf – über Neonazis in der Nachbarschaft, Übergriffe oder Plätze die bei Nacht besser nur in Gruppen besucht werden.
Falls ihr selbst Opfer eines Übergriffs wurdet oder eine Auseinandersetzung für euch gerichtliche Konsequenzen nach sich zieht, meldet euch bei den zuständigen Stellen. Für Mecklenburg-Vorpommern: LOBBI – Opferberatung für Betroffene rechter Gewalt

Schluss mit dem Naziterror! Antifaschistischen Widerstand organisieren!