Archiv für Oktober 2009

beim nicht-vergessen was vergessen

Am vergangenen Wochenende kamen 1400 so genannte Ostpreußen im Neubrandenburger Jahnsportforum zusammen, um sich mit Marschmusik, Trachten und Tänzen ihrer bzw. der Geschichte ihrer Vorfahren zu erinnern.

Immer mehr drängen Vertriebene auch anderswo mit ihren Geschichten in den Vordergund der Kriegserinnerung und leugnen den Ausgangspunkt aller weiteren Geschichte: den Deutschen Faschismus und den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg. Dabei beteuern sie stets, man wolle das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, wie auch am Sonnabend „Landesgruppenschef“ Manfred Schukat. Allergings erwarte man endlich Gerechtigkeit und eine „Erklärung“ von Seiten Polens, zitiert der Nordkurier weiter.

Eine Erklärung wofür? Für die 6 Millionen Pol_innen, die von deutschen Soldaten, der SS und der deutschen Bevölkerung ermordet wurden? Für die 3 Millionen polnischen Zwangsarbeiter_innen, die aus ihrer Heimat verschleppt wurden, um in der deutschen Kriegsindustrie zu arbeiten? Für die Zerstörung der polnischen Städte durch den Krieg und die Strategie der verbrannten Erde?

Kein_e Pol_in muss sich erklären… wie die anderen Bürger_innen des Deutschen Reiches, haben auch die Ostpreuß_innen ihr „Schicksal“ selbst gewählt. 1933 erzielte die NSDAP in den östlichen Wahlkreisen Ostpreußen, Pommern und Frankfurt/Oder mit über 55% die besten Ergebnisse im Reich.
Wie üblich für Vertriebenenverbände (und seien sie noch so „gemäßigt“) wird der Ausgangspunkt für die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg ausgeblendet, um sich in der Erinnerung an die verlorene Heimat zu aalen und Geschichte zu emotionalisieren. Mitunter zweifellos tragische und ungerechte Schicksale werden für revanchistische und revisionistische Zwecke missbraucht und mit ihnen moralische Einbahnstraßen gebaut, um jede Gegenrede zu vermeiden. Dabei tradiert die vermeintlich unpolitische Heimattümelei genau das Denken, das die Ursache für ihre Geschichte war. Der deutsche Nationalsozialismus und der polnische Nationalismus produzierten, wie jeder andere Patriotismus, ein exklusives, menschenverachtendes Denken vom „wir“ und „ihr“.
So ist das klägliche Gejammer um die verlorene Heimat auch immer ein Bedauern der Kriegsniederlage. Zwar sind die deutschen Täter_innen von einst größtenteils schon verstorben… doch ihre Kinder stilisieren sich jetzt, im Schleier der Vergesslichkeit, zu Opfern und begehen überall im Land ihre gruseligen Vertriebenenfeste.
Weite Teile der CDU feuern den Vertriebenenkult und die Verdrehung der Geschichte und die Vernebelung der Zusammenhänge immer wieder an. Kaum eine andere „Volksgruppe“ ist so beharrlich, wie die deutschen „Vertriebenen“.
Dabei haben von den Millionen Menschen, die im 20. Jahrhundert Vertreibung und Zwangsumsiedlung zum Opfer fielen, nur die wenigsten das Glück gehabt, eine neue Heimat und gesellschaftliche Anerkennung zu finden, wie ihre deutschen „Leidensgenossen“.
Nach wie vor werden Sinti und Roma überall in Europa diskriminiert und ausgegrenzt. Noch immer leugnet die Türkei den Völkermord an den Armenier_innen. Noch immer sind die Spuren der rassistisch motivierten Genozid-Versuche auf dem Balkan zu spüren. Überall in Amerika und Australien kämpfen indigene Minderheiten vergeblich um die Anerkennung ihres Schicksals.
In Deutschland hüpft und tanzt das vertriebene Volk und weint der ruhmreichen Vergangenheit hinterher, kassiert Renten, schreibt Bücher und dreht Dokumentationen über die „verlorene Heimat“.

Jeder Vertriebenen-Nationalismus ist revanchistisch… die „Wunde“ der Vertreibung ist das Symptom der Nicht-Verarbeitung des Nationalsozialismus, der Nicht-Anerkennung der eigenen Schuld.

Kein Mitleid mit den Tätern.
Patrioten sind Idioten. Überall.