Archiv für Januar 2010

niemals vergessen

Heute wird bereits zum vierzehnten Mal der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Ein Datum von Bedeutung, denn am 27. Januar 1945 befreiten die Soldaten der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. In dieser größten Todesfabrik des „Dritten Reiches“ wurden in nur vier Jahren über eine Million Menschen industriell ermordet.
Auschwitz ist längst zum Synonym für die faschistische Barbarei im Zweiten Weltkrieg geworden, weshalb der heutige Tag alle Menschen auf ewig erinnern soll, was Menschen einst Menschen angetan haben. Die wenigen Überlebenden konnten für den Rest ihres Lebens nicht vergessen, in der Hölle auf Erden „gelebt“ zu haben und nur wenige von ihnen sind heute noch am Leben, um Zeugnis abzulegen.

Auch deshalb wurde 1996 auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog (CDU) ein nationaler Gedenktag eingeführt. 51 Jahre nach Beendigung des Krieges, sollte auch im Land der Täter_innen offiziell den Opfern des Nazi-Terrors gedacht werden.

Grundlegendes Ziel von Erinnerungspolitik ist von jeher, bestimmte Teile der Vergangenheit im breiten Bewusstsein zu halten und gezielt zu vergegenwärtigen. In der Proklamation von 1996 heißt es:

„Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“

Dennoch ist der 27. Januar nach wie vor ein Datum, dem nur mindere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Nur wenige wissen damit etwas anzufangen und von einer kollektiven Erinnerung kann schon gar nicht die Rede sein. Der industrielle Massenmord an Millionen von Juden und Jüdinnen, Kommunist_innen, Anarchist_innen, Homosexuellen, Sinti und Roma eignet sich nuneinmal nicht zum patriotischen Fahnenrausch. Von Verantwortung für die eigenen Taten oder die der Eltern und Großeltern keine Spur – nur eine von vielen Pflichtübungen, eine Art historischer Ablasshandel. Ganz anders das Jubiläum der Wiedervereinigung oder die Heroisierung der Nazi-Clique um Graf Schenk von Stauffenberg, hier definiert sich das deutsche Volk neu, als urdemokratisch und im Kern „gar nicht so schlecht“. Die Erinnerung muss für den neuen Nationalstolz neu konstruiert werden, damit Vergangenheit und Selbstsicht in Einklang kommen.
Der heutige Bundespräsident Horst Köhler (CDU) löste dieses Problem bei den Feierlichkeiten zum Mauerfall letztlich mit folgenden Worten: „Wir haben heute guten Grund, stolz auf unser Land zu sein. Das Erreichte ist undenkbar ohne die Lehren, die wir gezogen haben, und ist das Ergebnis ständiger Anstrengung“. In diesem Verständnis sei Deutschland, durch die stetige und intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, zu einer Nation gereift, die Faschismus und Sozialismus überwunden und sich als eine demokratische Nation etabliert hat.
Es scheint als können wir Deutschen, nun wo wir doch alle Lehren der Vergangenheit verinnerlicht haben und uns der Verantwortung bewusst sind, die Vergangenheit des Nationalsozialismus mit leichteren Schritten begehen.

Die Nazi-Verbrechen werden als finstere, aber bewältigte Vergangenheit verbucht und neue Traditionslinien eifrig geknüpft. Sei es die als Friedenseinsatz verkaufte, aggressive Außenpolitik der Bundeswehr, die auch innenpolitisch nahezu alle Lebensbereiche durchdrungen hat (von der Schule bis zur Fernsehwerbung) – oder die Revision der Schuldfrage durch die emotionalisierte Politik der Vertriebenenlobbyisten. Vergessen auch die Bilder vom nationalistische Fremdenhass von ganz „normalen Neonazis“, die Einheitsrausch Asylsuchende durch Rostock Lichtenhagen jagten und bei lebendig verbrennen wollten.

Die neue deutsche Erinnerungspolitik hat keinen Platz mehr für eine kritische Aufarbeitung der Geschichte, sondern setzt nur noch auf kleine Gesten und großen Vaterlands-Pomp…

Unsere Antwort kann nur ständige Kritik an der gegenwärtigen Geschichtsklitterung sein, damit die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten nie endet, damit sich Auschwitz nie wiederholt, weder hier noch anderswo.

Kein Opfer ist vergessen, kein Mord vergeben!
Nazis bekämpfen, immer und überall!

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Im Alternativen Jugendzentrum in der Seestraße findet aus Anlass des Gedenktages eine Filmvorführung statt. Zu sehen gibt es „Die Freiheit des Erzählens: Das Leben des Gad Beck“, über den jüdischen Widerständler. 19 Uhr soll’s losgehen.