Archiv für April 2012

routing

Das Bündnis Neubrandenburg Nazifrei mobilisiert nun zu 9 Uhr zum Prellbock (hinterm Bahnhof). Dort wollen wir gemeinsam die Nazis in Empfang nehmen und nach Hause schicken.

Also nochmal ganz langsam zum Mitschreiben:
9:00 Uhr Bahnhof Nordseite, am Fuße der Fußgängerbrücke über die Gleise
Erscheint zahlreich!

Mittlerweile gibt es auch eine EA-Nummer und ein Infotelefon. Alles zusammengefasst auf einer Karte zum ausdrucken gibt es hier (~150KB) zum Download.

kort

Lasst unnötigen Scheiß zu Hause. Informiert euch und andere und achtet auf kurzfristige Informationen
Bis morgen.

Komm lieber Mai

Während die Temperaturen am Wochenende schon an längst vergangene Sommer erinnerten und das Grün aus allen Ecken sprießt, wird auch die Stimmung rund um den bevorstehenden Ersten Mai immer heißer. Zahlreiche Aktionen in der Stadt sorgten in den vergangenen Tagen für viel Aufmerksamkeit und buntes Treiben schon im Vorfeld des Tags der Arbeit. Ob ein Mobivideo auf Youtube, Schnipselregen im Marktplatzcenter, Fahrraddemo oder zahlreiche Graffiti: Neubrandenburg ist bunt und kreativ und in Bewegung gegen Nazis.

Allerdings wird die dominante Farbe am Dienstag aller Voraussicht nach blau sein – 1000 Polizisten sind angekündigt. Sie werden versuchen, die 200-300 Neonazis, die diesmal durch die Ihlenfelder Vorstadt marschieren wollen müssen, zu schützen. In den vergangenen Wochen hat die NPD bereits Schützenhilfe vom Kreisordnungsamt bekommen, das der Nazi-Partei trotz zahlreicher angemeldeter Veranstaltungen der demokratischen Parteien und Gewerkschaften eine Route ermöglicht hat.

Auf einem Auge blöd

Doch nach wie vor findet keine weitere öffentliche Mobilisierung der rechten Szene statt. Die NPD ist sich ihres regionalen Potenzials und der über Partei und Verfassungsschutz bezahlten Berufsdemonstranten offenbar sicher und belässt es bei internen Aufrufen – wohl eine Präventivmaßnahme für die Propaganda danach.
Auch ein Blick auf die bislang geheim gehaltene Route, die durch antifaschistische Recherchen nun auch der Öffentlichkeit zur Verfügung steht, lässt die Verzweiflung der Nazis erahnen, die aus der kleinen Ihlenfelder Vorstadt alles herausholen und beinahe jede Straße rauf und runter laufen wollen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Plattenbauquartier Cölpiner Straße.

Entlang der Strecke verteilten die Kreistagsmitglieder Norman Runge und Hannes Welchar gemeinsam mit Mitgliedern der „Kameradschaft Neubrandenburg“ (unter ihnen der sachkundige Einwohner der Nazis in den Ausschüssen des Kreistages, Jörg Wölke-Sandt) am heutigen Vormittag noch eilig Flugblätter, um wenigstens irgendwen zu erreichen. Dass die Vorstädter bereits vor Tagen von Antifaschist_innen mit einem eigenen Flugblatt darauf vorbereitet wurden, lässt die Aktion allerdings verpuffen.

… Dass die 4-5 km lange Route ein Hakenkreuz bildet, ist die traurige Krönung der Politik des Kreises Mecklenburgische Seenplatte, der Neonazis offensichtlich freie Hand bei der Gestaltung ihrer menschenverachtenden Propaganda lässt. Das Ordnungsamt hat zudem bereits „operative Veränderungen“ angekündigt, was darauf schließen lässt, dass die Behörden Ausweichpläne für die Nazis bereit halten und mit Gegenwehr der Neubrandenburger_innen rechnen.

Das kommt nicht von ungefähr: mehrere Initiativen rufen rund um das Wohngebiet zum Protest auf, das Bündnis Neubrandenburg Nazifrei fordert, den Widerstand dahin zu tragen, wo er hingehört, nämlich in die Ihlenfelder Vorstadt.

die spinnen. die bullen. die schweine.

Der Anzahl der Polizeikräfte, die am Ersten Mai vor allem in der Ihlenfelder Vorstadt eingesetzt werden sollen, um den Neonaziaufmarsch zu schützen und den Protest aus der Ihlenfelder Vorstadt fern zu halten, sprengt alle bisher in Neubrandenburg dagewesenen Dimensionen (z.B. 2001: 500 Beamt_innen; 2008: 410 Beamt_innen). Seit Tagen patroullieren Polizist_innen in zivil und auf Streife durch das Aufmarschgebiet.
Wie in Greifswald im vergangenen Jahr hofft die Staatsgewalt mit einem derartig massiven Aufgebot, den Widerstand einzuschüchtern und Protest von vornherein zu illegalisieren und Situationen gegebenenfalls zu eskalieren.

Alternativlos

Aber wie schon die Greifswalderinnen und Greifswalder im vergangenen Jahr, werden wir auch in Neubrandenburg den Nazis breiten, friedlichen Protest entgegen setzen. Wir werden nicht zulassen, Menschenfeinde ihren Hass in unserer Stadt verbreiten. Wir brauchen keine Verbote um eine Nazidemo zu verhindern. Wir brauchten keinen NSU um zu wissen, dass die Konsequenz der Nazi-Ideologie Gewalt gegen und den Tod von Menschen bedeutet, die nicht in das völkisch-rassistische Weltbild passen.

Wir werden Naziaufmarsch blockieren, weil es unser Recht ist – von uns geht keine Eskalation aus!

Bleibt vernetzt: Twitter
Bleibt cool: Demo 1×1
Bleibt konsequent.

Weitere Infos folgen.

umdenken

Dann ist es doch passiert: klammheimlich hat die NPD den Versammlungsort für ihren geplanten Aufmarsch am 1. Mai geändert. Die Ihlenfelder Vorstadt soll es nun sein. Der Weg in die Oststadt bleibt der Nazipartei ganz offensichtlich verwehrt, da bereits kurz nach Bekanntwerden der NPD-Absichten klar war, dass andere, demokratische Parteien den Aufmarschort für sich beanspruchen werden. Die Mobilisierung der Nazis läuft seitdem ungewohnt kleinlaut – nein, sie findet öffentlich nicht statt. Kein Wunder, wo doch, abgesehen von den geographischen Nöten der „Nationalen“, das Bündnis Neubrandenburg Nazifrei seit drei Wochen in der Stadt für breite, friedliche Proteste mobilisiert und Unterstützung aus allen Teilen der Gesellschaft und des Landes erfährt.

Zwar ist es nun mit dem veränderten Startpunkt der Nazidemo und einer bevorstehenden Mobilisierung in die Ihlenfelder Vorstand nur noch eine Frage der Zeit, wann das große Gespenst „gewaltbereiter Gegendemonstranten“ für den Schutz des Naziaufmarsches aus der Mottenkiste der Behörden gekramt wird, um den Widerstand in gut und böse zu spalten… doch der friedliche aber bestimmte Protest der Neubrandenburger_innen gegen den Naziaufmarsch hat mit dem Ausweichen der NPD bereits erste Früchte getragen. Nun müssen die Beteiligten Akteure zusammenhalten und sich nicht mit Selbstbeweihräucherung und Schulterklopfen zufrieden geben. Denn die Verlegung der Demo ist nur der erste Schritt in Richtung eines Ersten Mai ohne marschierende Neonazis. Schließlich hat das Ordnungsamt des neuen Großkreises Mecklenburgische Seenplatte, anders als die Stadt Neubrandenburg in den Vorjahren, alles getan, um der NPD einen Aufmarschort zu beschaffen und sich verweigert, die komfortable Situation mit zahlreichen Aktivitäten demokratischer, antifaschistischer Kräfte im gesamten Stadtgebiet, für ein Verbot zu nutzen.

Deshalb gilt es jetzt, umso entschlossener und weiterhin friedlich für einen nazifreien Ersten Mai auf die Straßen Neubrandenburgs zu gehen und den Protest dahin zu tragen, wo er hingehört: vor die Füße der Nazis.

Doch unabhängig davon bleiben Fragen:

Wer ist eigentlich Rainer Plötz?

Eine tragende Figur in dem undurchsichtigen Geplänkel um den Versuch der NPD, 2012 in Neubrandenburg aufzumarschieren, ist der Leiter des Ordnungsamtes für die Mecklenburgische Seenplatte, Rainer Plötz. Er machte in den vergangenen Tagen den bevorstehenden Naziaufmarsch möglich, indem er die Anmelder der NPD-Demo, den verurteilten Gewalttäter Michael Grewe und den langjährigen Neubrandenburger Naziaktivisten Jens Blasewitz, an seinen Tisch holte, für ein „Konsensgespräch“. Unter den Umständen der zahlreichen anderen Anmeldungen im Stadtgebiet, machte Plötz, unter Berufung auf die Versammlungsfreiheit, einen Deal mit der NPD, anstatt ihr eine Absage zu erteilen und ein Gericht entscheiden zu lassen, ob in einer Kleinstadt mit Demokratiefest und zahlreichen anderen Veranstaltungen, ein Naziaufmarsch realistisch oder eher fahrlässig sei. Plötz hätte sich nicht zu einer politischen Bewertung hinreißen lassen müssen, er hätte die Verantwortung für einen friedlichen ersten Mai, ohne die Provokation einer Demo krimineller Gewalttäter und Freiheitsfeinde, einfach nur delegieren müssen.

Plötz wird nun wohl als „lupenreiner Bürokrat“ in die Geschichte der Neubrandenburger Naziaufmärsche eingehen. Denn was er auch nach seinem Aufstieg aus dem ehemaligen Landkreis Demmin nicht begriffen hat, ist dass die Rechtsstaatlichkeit zwar ein, aber kein Hinreichendes Kriterium einer Demokratie ist. Denn noch wichtiger ist in einer Demokratie die Freiheit und die damit verbundene Verantwortung des Einzelnen, auch des Verwaltungsbeamten. Das Unterscheidet die Schreibtischtäter einer Demokratie von den Schergen autoritärer Systeme. Dass die NPD mit ihrer Freiheit der Völker eine rassistische, die Freiheit vernichtende Ideologie vor sich her trägt und nicht nur staats- sondern auch Menschenleben gefährdend ist, muss an jemandem, der sich mit ihren Vertretern an einen Tisch setzt, vorbei gegangen sein – da hilft auch das Berufen auf eine Art „Befehlsnotstand“ nicht weiter.

Exkurs: Ein genauerer Blick auf Plötz lässt vermuten, dass er entweder gar nichts oder ganz andere Dinge bei seinem Vorgehen im Hinterkopf hatte. Konnte er doch damals als Ordnungsamtleiter im Altkreis Demmin nur im Berufungsverfahren des Vorwurfs der Nötigung an einer Flüchtlingsfamilie freigesprochen werden. Außerdem hatte er damals auch erst nachdem bundesweite Medien darüber berichteten ein Problem damit, dass Beamte unter seiner Leitung offen mit Schreckschusswaffen patroullieren oder Asyl Suchende damit einschüchterten.
Ob sich der Kreis einen Ordnungsamtsleiter wie Rainer Plötz erlauben kann, der das Bestreben demokratischer Kräfte mit einem plumpen Rückgriff auf „Recht und Ordnung“ zunichte macht und der das Recht über die Moral stellt, bleibt denen überlassen, die seine Vorgesetzten gewählt und die Ära der Anscheißer und Bürokraten 1989 verabschiedet haben. Bemerkt sei nur, dass der Autoritäre Charakter vielleicht besser für das erteilen von Strafzetteln als für die Leitung einer staatlichen Behörde in einer „Demokratie“ geeignet ist.

Und was hat das jetzt alles für den Ersten Mai zu bedeuten?

Mit der noch immer aufrecht erhaltenen Mobilisierung vieler Brandenburger Nazis zu einem Aufmarsch so genannter „Freier Kräfte“ nach Wittstock, der Demonstration der sich im Wahlkampf befindenden NPD in Neumünster (Schleswig-Holstein) und nun auch noch einer NPD-Demonstration in Berlin, ist zu erwarten, dass sich am kommenden Dienstag wohl die üblichen 200-250 Neonazis aus der Umgebung und aus dem Norden und Westen des Landes in der Vier-Tore-Stadt einfinden werden. Ihnen wird der Wind diesmal sehr kräftig ins Gesicht wehen, da weitreichender und kreativer Protest angekündigt ist, mit dem Ziel den Protest auf die Straße zu bringen.

Exkurs: Die Naziszene lokale Szene, bestehend aus einigen NPD-(nahen )Kadern und ein paar Skinhead-Cliquen in der Oststadt und auf dem Datzeberg wird ihre Belohnung, den Besuch der NPD-MV-Reisegruppe, in der kleinen Ihlenfelder Vorstadt in Empfang müssen. Hier springt für die NPD maximal eine Predigt vor ohnehin Bekehrten raus. Vorwiegend besteht das Gebiet aus Einfamilienhäusern alteingesessener Neubrandenburger_innen und einem kleinen Plattenbauareal um die Cölpiner Straße, in dem viele Thor-Steinar-Fans ihr zu Hause haben und das Teil der Route ist. Außerdem ist die Ihlenfelder Vorstadt auch Wohnort des bekannten Nazi-Aktivisten Eric U., der seit mehreren Jahren, am Aufbau von Neonazi-Strukturen in Neubrandenburg teilzuhaben versucht und zudem regelmäßig als Ordner bei Aufmärschen des Jugendbund Pommern und der NPD in Erscheinung tritt. Auch für zahlreiche Nazi-Schmierereien in der Stadt und für Einschüchterungsversuche gegen alternative Jugendliche sind der 21-jährige Ex-Uecker-Randower und seine Kamerad_innen verantwortlich.

Sollten die NPD und ihre Anhänger überhaupt dazu kommen, sich am 1. Mai in Neubrandenburg zu bewegen, bleibt zu hoffen, dass sie eine ähnlich trostlose Show abliefern, wie am vergangenen Wochenende in Waren, wo ein knappes Dutzend, vornehmlich auf Neubrandenburger und Friedländer Neonazis um die Kreistagsmitglieder Norman Runge, Hannes Welchar und Jens Blasewitz gelangweilt ein paar Gedanken zur Euro-Krise bekannt gab. Die gute alte D-Mark soll es jetzt retten, berichteten Augenzeugen des Infostandspektakels an der Müritz*.

Darum:

Wir bereiten uns auf einen ereignisreichen, kämpferischen Ersten Mai vor. Haltet die Augen nach weiteren Informationen und Treffpunkten offen. Die (mögliche) Route wird zeitnah bekannt gegeben.

Gemeinsam Nazis blockieren.

*Die Zutts leben übrigens doch auch noch.

was zu sagen

… im Zuge der Mobilisierung gegen den Naziaufmarsch am Ersten Mai wird es in den kommenden Tagen auch auswärts mehrere Infoveranstaltungen geben.

Den aktuellen Stand und einen kurzen Überblick über die Geschichte der Naziaufmärsche in Neubrandenburg und ein wenig Background zu den Versuchen der Nazis, den Ersten Mai zu vereinahmen gibt es am:

  • Donnerstag, 19. April im IkuWo in Greifswald / 20 Uhr
  • Montag, 23. April im Café Median in Rostock / 19:30 Uhr
  • Mittwoch, 25. April in der Schreina 47 in Berlin / 18:30 Uhr
  • Donnerstag, 26. April im Peter-Wess-Haus in Rostock / 19:30 Uhr

…weitere Termine folgen.

Aktuelle Informationen gibt es hier, oder auf der Homepage des Bündnisses Neubrandenburg Nazifrei bzw. über Twitter und Facebook. Bei Fragen: aonb [at] systemausfall.org

mit ausrufezeichen!

Seit der Ankündigung vor einer Woche, dass die NPD M-V Neubrandenburg als Aufmarschgebiet für sich auserkoren hat, hat sich einiges getan. Ein kurzer Überblick:

Nachdem sich die NPD durch die Veröffentlichung ihrer Demonstrationspläne genötigt sah, übereilt ihren Aufruf zu veröffentlichen, sieht sie sich nun mit dem Dilemma konfrontiert, dass Neubrandenburg einfach keinen Platz für sie hat. Denn mittlerweile ist bekannt geworden, dass ein Bündnis demokratischer Parteien und Gewerkschaften schon seit Monaten auf einen demokratischen, friedlichen Ersten Mai vorbereitet ist. Im gesamten Stadtgebiet sind bereits Veranstaltungen angemeldet, überall werden Menschen bereit stehen, die keinen Bock auf Nazis und ihre Instrumentalisierung des Ersten Mai haben.

Zudem ruft ein breites Bündnis aus zivilgesellschaftlichen Initiativen, engagierten Einzelpersonen und emanzipatorischen Projekten zu friedlichen Massenblockaden auf, sollte die NPD dennoch Zeit und Platz zugewiesen bekommen, in der Stadt zu marschieren.

Und als wäre es nicht genug buntes Übel, meutert auch noch die ostdeutsche Naziszene in Foren über eine weitere Demo, die am Ersten Mai Kräfte bindet und das braune Marschvolk auseinanderdividiert.

Die Nazi-Partei ist nun unter Druck und feuert auf allen Kanälen nach, der Aufruf wird mittlerweile durch bunte Banner unterstützt. Verständlich, ein einfaches „Kommando zurück!“ wäre nun mehr als Blamabel. Wohl aber angemessen… denn schon jetzt ist klar: der Erste Mai wird für die NPD kein guter Tag. Werden die eigenen Kameraden enttäuscht, weil sie durch ein Gewerbegebiet laufen müssen; oder läuft der braune Mob in Blockaden und muss unverrichteter Dinge wieder abziehen… so oder so: niemand will „des Volkes Stimme“ hören. Darüber könnten nicht einmal Spontandemonstrationen in der Homezone Ostvorpommern hinwegtrösten.

Deshalb seid neugierig und schaut regelmäßig nach neuen Informationen und Ankündigungen.

Unterstützt die Initiativen gegen den Naziaufmarsch. Bleibt friedlich, aber ungehorsam.

Wir unterzeichnen:
1. MAI – NB NAZIFREI!

keine pleite mit der NPD?

Die Neonazi-Szene in der Mecklenburgischen Seenplatte nutzt den Kreistag, um ihre Strukturen zu stärken – und ihre privaten Finanzen zu sanieren.

Als eine der ersten NPD-Fraktionen aus den neuen Kreistagen richten sich die vier rechten Abgeordneten der Mecklenburgischen Seenplatte ein eigenes Bürgerbüro ein. In der Kurzen Straße in Burg Stargard gelegen, haben sich die Neonazis ein Haus in der schmucken Altstadt nahe des Marktplatzes ausgewählt. Ob sie damit ihren Willen ausdrücken wollen, in die Mitte der Gesellschaft zu gelangen, oder ihre Phantasie, bereits dort angesiedelt zu sein, bleibt unklar. Offensichtlich ist jedoch, dass der Ort Norman Runge gelegen kommt: Der Geschäftsführer der Fraktion wohnt in Burg Stargard. Dort konnte er seit 2004 erste kommunalpolitische Erfahrungen sammeln, als er ungeachtet seiner neonazistischen Einstellung ins Lokalparlament gewählt wurde.

Dank seines Mandats im Kreistag profitiert der behäbige Runge jedoch nicht nur von kurzen Wegen. Als Fraktionsgeschäftsführer erhält er ein kräftiges Gehalt aus den Zuwendungen von weit über 3.000 Euro, die den vier NPD-Abgeordneten monatlich zustehen. Das Geld benötigt der Neonazi nicht nur, weil seine langjährige Anstellung als Pflegekraft in der Heilpädagogischen Wohn- und Pflegestätte in Weitin beendet wurde. Seine finanziellen Probleme sind in der Region bekannt, Runge musste Privantinsolvenz anmelden.

Seine Qualifikation für Posten der NPD scheint das nicht zu mindern, wo vielmehr sein langjähriges Engagement in der Partei und im Umfeld einschlägiger Organisationen wie der mittlerweile verbotenen Mecklenburgischen Aktionsfront oder des Kulturkreis Mecklenburg-Strelitz zählen. Runges Kollegen in der Fraktion, der langjährige NPD-Aktivist Jens Blasewitz aus Neubrandenburg und Thorsten Schmidt aus Neukalen, wurden bei der Postenvergabe jedoch übergangen. Als Fraktionsvorsitzender wurde Hannes Welchar aus Friedland ausgewählt. Der 23-jährige ist über den kleinen Ort nahe Neubrandenburg hinaus vor allem als Teil des Ordnerdienstes der NPD aufgefallen, wegen einer politisch motivierten Körperverletzung vorbestraft und hat bis zum letzten Jahr eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann in Rostock absolviert.

Welchar trat zuletzt etwa als Redner bei rechten Kundgebungen in Neustrelitz im Januar und Friedland im März auf. Diese verstärkten Aktivitäten in der Region offenbaren nicht nur, dass die rechte Szene aus der Wahl in den Kreistag in Fraktionsgröße motiviert hervorgeht. Die Propaganda gegen Flüchtlingsheime und Kindesmissbrauch zeigt weiterhin, wie sie das Parlament und ihre Präsenz in kleineren Stadtvertretungen wie Neustrelitz, Friedland oder Neubrandenburg zum Teil ihrer neonazistischen Gesamtstrategie zu machen versucht. Neben dem Büro in Burg Stargard ist die angekündigte NPD-Demonstration am 1. Mai in Neubrandenburg ein weiterer Baustein in diesem Vorhaben, die Neonazi-Szene vor Ort zu beleben – und Protest deshalb nötig, damit nicht nur Norman Runge, sondern auch seine „Kameraden“ noch so einige Pleiten erleben.

neubrandenburg am ersten mai

Nachdem es in den vergangenen Wochen bereits rumorte, ob nach den erfolgreichen Blockaden zum 1. Mai in Greifswald im vergangenen Jahr, 2012 wieder die Hansestadt das Ziel der NPD-Demoreisegruppe werden würde, liegt nun eine Anmeldung für 11 Uhr in der Neubrandenburger Oststadt vor.

Als Anmelder fungieren, wenig überraschend, wieder der verurteilte Nazi-Schläger Michael Grewe und der Neubrandenburger Stadtvertreter und Kreistagsabgeordnete Jens Blasewitz. Erwartet werden 300 Neonazis. Unter dem Motto „Leben und arbeiten in der Heimat“ sollen mit dem Märchen vom Volkstod sentimentale Gefühle der Bevölkerung geweckt werden. Der Bevölkerungsschwund in der Region und die hohe Arbeitslosigkeit dienen dabei als Aufhänger.

Nach 2005, 2007 und dem gescheiterten Versuch 2009 steht der Stadt am Tollensesee also wieder ein heißer Erster Mai bevor.

Warum?

Die Neubrandenburger Naziszene galt im Vergleich zum äußerst aktiven und gewaltbereiten Umland, lange als schlecht organisiert und erfolglos. Dass dieses Bild hinterfragt werden muss und wohl eher dem Wunschdenken vieler Engagierter entspricht, zeigt ein Blick auf die Entwicklung der Szene in den Jahren seit der letzten Demonstration.
Denn gemeinsam mit Nazis aus Friedland, Burg Stargard und Neustrelitz, stellen auch Neubrandenburger_innen vermehrt Infrastruktur für Nazi-Kundgebungen in der Region zur Verfügung. Sie treten als Ordner auf, halten Transparente und Reden und machen eine nicht zuvernachlässigende Teilnehmerzahl bei Nazi-Aufmärschen in der Region aus. Dabei fallen nicht nur kommunale NPD-Parlamentarier wie die Kreistagsmitglieder Jens Blasewitz (Neubrandenburg), Norman Runge (Burg Stargard) oder Hannes Welchar (Friedland) ins Auge, sondern auch immer mehr bis dato unorganisierte Neubrandenburger Neonazis.
Diese begeben sich vermehrt in Strukturen wie der punktuell auftauchenden „Kameradschaft Neubrandenburg“, oder treten als Helfer der NPD, bei Verteilungsaktionen, Schmierereien und bei so genannten Anti-Antifa-Aktivitäten in Erscheinung. Konzerte im Raum Friedland und Pasewalk sind auch für Neubrandenburger Neonazis ein Anzugspunkt und wichtiger Ort für Vernetzung und Erfahrungsaustausch.

Der letzte Naziaufmarsch in der Vier-Tore-Stadt liegt nunmehr fast vier Jahre zurück. Deshalb verwundert es nicht, dass Neubrandenburg wieder als Aufmarschgebiet an Relevanz gewinnt. Der bezahlte Wanderzirkus der NPD hat hier kein Gastspiel mehr, sondern trifft vor Ort auf eine immer selbstbewusster agierende Naziszene, die er nun auch öffentlich zu unterstützen versucht.

Die Oststadt ist zudem als größtes Neubrandenburger Wohngebiet ein attraktiver Aufmarschort. Ein Viertel der NPD-Wähler_innen in der Vier-Tore-Stadt ist hier zu Hause. Das Viertel hat seit 1990 fast 10.000 Einwohner_innen verloren und eine Arbeitslosenquote von fast 15 Prozent und bietet somit aus Sicht der NPD idealen Nährboden für ihre Kümmererideologie.

Aber

Allgemein birgt der Erste Mai in M-V großes Frustrationspotenzial für die rechte Szene. Ob in Rostock 2010 oder auch Greifswald 2011, die Erfahrungen haben gezeigt, dass ein von breiten Teilen der Gesellschaft getragenes Bündnis in der Lage ist, wirksamen Protest in Form von Blockaden zu organisieren.
Auch der letzte Versuch der NPD, am Ersten Mai 2009 in Neubrandenburg aufzulaufen, endete für die Partei in einem heillosen Durcheinander. In der Nähe des Aufmarschortes hinter dem Bahnhof fand sich ein Bündnis aus Parteien, Gewerkschaften und antifaschistischen Gruppen zum Protest, der die Nazis offensichtlich veranlasste die Demo schon am Vorabend abzublasen. Das Häufchen von 100 Neonazis, die „spontan“ in Greifswald Ersatzbefriedigung suchen wollten, lief nach wenigen Hundert Metern auf freiem Feld in die Arme der Staatsgewalt.
Auch die letzte Demo in der Neubrandenburger Oststadt, im Jahr 2002, endete für die Nazis in einem Desaster. Nachdem sie mehrere Stunden in einer Blockade festsaßen, mussten sie in kurzfristig organisierten Bussen aus dem Viertel gekarrt werden.

Wir beobachten die zunehmenden Aktivitäten von Neonazis in unserer Stadt mit Sorge. Breiter, offensiver Widerstand ist längst überfällig und darum regt sich jetzt Protest. Wir wollen nicht zusehen oder unser eigenes Dasein abfeiern, wenn Nazis in unserem Viertel marschieren. Deshalb: Raus zum Ersten Mai 2012 in Neubrandenburg!

Achtet auf weitere Ankündigungen…