Archiv für Juli 2012

Endstation rechts?

„Natürlich könnt Ihr die Kneipe auch für eigene Events buchen. Wir machen die Bewirtung, der Rest ist eure Sache ;) “ So begrüßt die Rockerkneipe „Endstation“ in Friedland auf ihrer Internetseite ihre Gäste. Diese willkommene Einladung schlug die örtliche Neonaziszene nicht aus und veranstaltete am Pfingstwochenende 2012 ein Rechtsrockkonzert mit über 100 Gästen. So reisten die rechten Konzertbesucher aus dem gesamten Bundesland an, um den einschlägig bekannten Bands wie „Stimme der Vergeltung“, „Schlachtrufe Germania“, „Wiege des Schicksals“ und „Thrima“ zu lauschen.

Die umtriebige Neonaziband aus Mecklenburg-Vorpommern „Stimme der Vergeltung“ stellte von ihrem Auftritt gar ein Musikvideo online. Mit weißen Masken bekleidet, beschworen die Bandmitglieder den scheinbar kommenden „Volkstod“ herauf und unterstützten so durch ihren Auftritt das Neonazinetzwerk Freies Pommern, die derzeit durch ihre Kampagne „Volkstod stoppen! – Die Zeit ist reif für unseren Widerstand!“ auffallen.

Screenshot aus dem Youtube-Video der Band Stimme der Vergeltung
Screenshot aus dem Youtube-Video „Volkstod“ der Band „Stimme der Vergeltung“ beim Konzert in Friedland

Erst knapp einen Monat ist es her, dass die mit der gleichnamigen Kampagne bekannt gewordene Neonazi-Gruppe „Spreelichter“ aus Brandenburg wegen ihrer Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus verboten wurde: Sie veranstaltete konspirative Fackelmärsche, bei denen die Rechten sich mit weißen Masken vermummten und martialisch inszenierten. Beide Neonaziorganisationen sehnen eine Blut- und Bodengemeinschaft herbei, in der all jene, die nicht in das rassistische Weltbild passen, repressiv verfolgt werden. Wie dies aussieht, machte der derzeitige NPD-Fraktionsvorsitzender im Kreistag „Mecklenburgische Seenplatte“ Hannes Welchar schon vor ein paar Jahren deutlich.


Ungehemmt feiern, Hannes Welchar (rechts) in der „Endstation“ (März 2012)

So wurde Welchar im Jahr 2010 vor dem Landgericht in Rostock wegen Körperverletzung verurteilt, da er im Dezember 2008 in Friedland vor eben dieser Kneipe linke Konzertbesucher zunächst mit Sprüchen wie „Scheiß Zeckenpack“ und „Ihr habt kein Recht, hier ein Konzert zu machen“ beschimpfte. Nach den anfänglichen Anfeindungen schlug Welchar zusammen mit anderen Rechten auf zwei der Konzertbesucher ein. Einer der Betroffenen erlitt einen Nasenbeinbruch, andere Gäste wurden mit Steinen und Flaschen beworfen.


Was macht Hannes Welchar hier mit seinem rechten Arm? Umarmt wird er von einem anderen Neonazi, der ein T-Shirt des bereits im Jahr 2000 verbotenen Nazi-Netzwerks „Blood & Honour“ (Blut & Ehre) trägt.

Verboten dämlich
Löcher ausm Käse – Welchar (im Braunhemd) beim Polonaise tanzen (Ostern 2009)

Alte Freundschaften
Welchar (Mitte) posiert mit anderen Neonazis

Hannes Welchar sowie der NPD-Stadtvertreter Matthias Grage sind augenscheinlich Stammgäste in der „Endstation“. Offensichtlich scheint der Inhaber keine Berührungsängste mit rechten Kadern und Schlägern wie Welchar zu haben, die in dem Lokal seit Jahren anzutreffen sind: Auf der Facebook-Seite des Lokals sind sie regelmäßig auf Fotos beim Feiern zu erkennen.

Blutzeugen
„Ein Volk, ein Weg, wie früher“ singt die Band „Blutzeugen“ in einem ihrer Songs. Welchars als T-Shirt getragener Musikgeschmack ist weitere Betrachtung wert.


Matthias Grage (links, NPD-Stadtvertreter in Friedland)

Bei so viel Offenheit des Besitzers ist es nicht verwunderlich, dass ein Besucher das Neonazi-Konzert am Pfingstwochenende auf einer rechten Internetplattform als „gesellig und familiär“ beschrieb. Ob in eigenen Objekten wie dem „Thing-Haus“ oder in angemieteten Räumlichkeiten, fast jedes Wochenende kann die rechte Szene in MV ausgelassen zu Rechtsrock tanzen und die menschenverachtenden Parolen mitgröhlen. Die Polizei regelt häufig eher den Verkehr, als von dem vor Jahren verabschiedeten Konzerterlass gegen Neonazi-Treffen Gebrauch zu machen. Klandestine Treffpunkte und konspirative Organisation hat die rechte Szene im Bundesland jedenfalls nicht mehr nötig.

Um so wichtiger bleibt es, auf unterschiedlichen Wegen dafür zu sorgen, dass Neonazi-Konzerte nicht nur keine Zuhörerschaft, sondern auch keine Räumlichkeiten mehr finden. Noch immer sei an Kneipen-, Gaststätten oder Clubbesitzer appelliert, genauer hinzuschauen, wer welche Art von Veranstaltung anmeldet.

Anbei zwei Ratgeber zum Umgang mit Anmietungen von Räumen
durch rechte Gruppen: bei der Antifa-Gruppe A3 und bei der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus