kampf und bewegung

Am 19. November will das Neubrandenburger „First Fight Team“ (ehemals „Fight Club NB“) im Radisson Blu Hotel eine Werbeveranstaltung abhalten. Geladen sind vor allem Politiker und Meinungsträger. Der Club will die Debatte auf den Sport lenken und sein Naziproblem unter den Teppich kehren.

Am liebsten würden Ronny Schindhelm und Stephan Kreienbrink einfach ihr Ding machen. Sie mögen Kampfsport und die große Show und haben natürlich auch kommerzielle Interessen. Die beiden Frontmänner des „First Fight Teams“ Neubrandenburg haben eigentlich nur ein Problem: organisierte Neonazis in ihrem Team. Wobei, eigentlich haben sie kein Problem damit – es sind andere Leute, die sich daran stoßen.

Aber von vorn: Mittlerweile ist es fast zwei Jahre her, dass Antifaschist_innen aus Neubrandenburg erstmalig darauf hinwiesen, dass nicht nur eine große Affinität von Neonazis aus der Region zur MMA/Freefight-Szene besteht und allerlei schräge Gestalten im Publikum zu finden sind, sondern dass sich mit Denis Tomzek aus Neubrandenburg und Silvio Dahms aus Gnevezin bei Anklam, auch unter den Neubrandenburger Fightern selbst, engagierte Neonazis tummeln.
Dies hatte für große mediale Wellen gesorgt und den Veranstaltern arge Probleme bereitet. Sponsoren sprangen ab und die Stadt Neubrandenburg zeigt sich seitdem bemüht, der „Fight Night“ keine eigenen Immobilien mehr zu vermieten. Selbst ein Verbot zukünftiger Veranstaltungen wird diskutiert. Vor allem die SPD um Sylvia und Rüdiger Bretschneider, treibt die „Fighter“ und ihren Dunstkreis vor sich her.
Kein Wunder also, dass Schindhelm und Co. nun ins Rudern kommen und versuchen, von der braunen wieder in die Ringecke zu kommen. Ganz offensichtlich hat man bemerkt, dass ein lieblos vorgetragenes Statement gegen „Extremismus“ den Sportlern mit ihren Nazifreunden kaum jemand abkauft. Darum gibt es nun eine neue Strategie…

Sport ist Sport

Das „First Fight Team“ hat sich ausgedacht, am 19. November eine Schauveranstaltung mit anschließender Podiumsdiskussion zu veranstalten. Geladen wurden etwa 200 Personen aus Politik und Gesellschaft.

„… Als direkt Betroffene möchten wir mit einer Informationsveranstaltung grundlegende Kenntnisse über unseren Sport vermitteln und somit einen Beitrag zur Versachlichung der Debatten leisten […] Im Rahmen der Veranstaltung möchten wir Ihnen durch Vortrag und Vorführung sowie in einer Podiumsdiskussion Wissenswertes über unseren interessanten und spannenden Sport vermitteln sowie Ihnen die Gelegenheit zu Fragen und Diskussion geben.“ – Quelle: Einladungsschreiben

Irgendwie kann man Ronny Schindhelm fast glauben, dass es ihm um den Sport geht. Er ist ein lokales Kampfsport-Urgestein und in der nationalen wie internationalen Szene geschätzt und anerkannt. Schindhelm ist bisher keineswegs politisch in Erscheinung getreten. Es ist wahrscheinlich, dass er wirklich davon überzeugt ist, Politik und Sport und Politik und Freundschaft voneinander zu trennen. Darum bietet er nun den Politiker_innen und Politikern, die versuchen MMA als zügellose Gewalt zu diskreditieren, die Stirn. Das wirklich „Spannende“ und „Wissenswerte“ über das „First Fight Team“ findet sich in der Einladung allerdings nicht wieder.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er damit bei vielen Erfolg hat. Schließlich treffen die landläufigen Argumente gegen MMA als Sport auch auf etliche andere Kampfsportarten zu und erweisen sich als willkommene Nebelkerzen, die die „Betroffenen“ nutzen können, um der eigentlich zu führenden Debatte zu entgehen. Mit einer Diskussion über Gewalt im Sport haben die anderen Diskutanten, die Debatte von dem eigentlichen Problem mit der rechten Szene aktiv weggesteuert. Die Gewaltfrage allein ist ganz einfach nicht der Punkt, der zu diskutieren ist und zu dem Außenstehende tatsächlich nicht hinreichende Sachkenntnis besitzen. Die Gewaltfrage gewinnt ausschließlich durch die Verbindungen zur / Überschneidungen mit der gewaltbereiten Neonaziszene an Relevanz.

Blind vor Toleranz

So haben es Kreienbrink und Schindhelm stets vermieden, sich zu den Vorwürfen zu den mindestens zwei Neonazis in ihem Team konkret zu äußern. Sie gerieren sich offen für jedermann und werden nicht müde, zu betonen, dass Politik im Ring nichts zu suchen hat. Lediglich Dahms ließ über einen Anwalt verlauten, dass er aus der Szene ausgestiegen sei. Eine übliche Strategie.
Dass hinter derartigen Äußerungen nicht viel steckt, zeigten jüngst im September der erste Prozess gegen die Schläger, die im Mai diesen Jahres eine regelrechte Hetzjagd auf alternative Jugendliche in Anklam machten. Hier wurde unter anderem auch gegen Dahms als Beschuldigtem ermittelt. Er wurde von mehreren Zeugen als Tatbeteiligter genannt, vor Gericht geladen und verweigerte die Aussage um sich nicht selbst zu belasten.
Aber auf auch der Anklagebank fanden sich mit dem Gneveziner Toni R. und dem aus Anklam stammenden Timm L. zwei Bekannte des First Fight Teams. Timm L. , der im Verfahren gestand, bei einer der Hetzjagden beteiligt gewesen zu sein und einen 24-Jährigen und zwei 16-Jährige zum Teil bewusstlos geschlagen zu haben, ist mit Ronny Schindhelm befreundet und zeigt sich in Sozialen Netzwerken als Freund der Fighting-Szene. Aber auch der zweite Beschuldigte, Toni R., hat Verbindungen ins Neubrandenburger Dojo und fährt einen „First Fight Team“-Aufkleber auf der Heckscheibe seines Autos herum. Doch er ist nicht irgendein Schläger, sondern ein Bruder des Bargischower Kameradschaftsaktivisten und Sängers der vorpommerschen Rechtsrockband „Wiege des Schicksals“, Daniel Rosa, und gilt als führende Figur der Kameradschaft „Jungsturm Pommern“.


Keine Kompromisse – einer der Anklamer Nazischläger präsentiert sich auf Facebook

Dass auch Denis Tomzek nach wie vor Verbindungen in die Szene unterhält ist naheliegend. So zeigte sich das ehemalige Mitglied der verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) und Hammerskin Anfang des Jahres mit seiner Tochter am Treffpunkt des so genannten „Tollensemarsch“ in Neubrandenburg und begrüßte die Teilnehmer_innen.

Nicht zuletzt waren im Publikum bei der Fight Night 2011 mehrere bekannte Neonazis, wie Alexander Wendt aus Salchow, oder der Neubrandenburger NPD-Stadtvertreter Jens Blasewitz und NPD-Kreistagsmitglied Hannes Welchar aus Friedland, die ihren politischen Weggefährten mit „Tommy, Tommy“-Rufen anfeuerten.

Sport ist Sport und Politik ist überall

Wie soll es möglich sein, die brutalen Aktivitäten der Neonazis von ihrem Leben im Dojo zu trennen? Sind Sportler multiple Persönlichkeiten? Haben die Schläger von Anklam ihre im Training erlernten Fähigkeiten bei ihrem Überfall abgestreift? Sind Neonazis in ihrer Ringfreizeit keine Neonazis mehr? Und gehören zu einem vollständigen „bunten“ Publikum auch NPD-Kader, die ihren Kameraden zujohlen und Pressevertreter bedrohen? Lässt sich eine menschenverachtende Gesinnung einfach ausblenden, wenn man Woche für Woche eng beieinander trainiert, Zeit verbringt und Freundschaften pflegt?


unpolitische Knuddler unter sich (von rechts: Dahms, Schindhelm, Tomzek) – Quelle: Facebook

Ist man guten Willens, kann man Schindhelm für naiv halten. Aber der Versuch, den Menschen hinter der Nazi-Fassade zu finden, und eine derartige Verquickung zwischen Free-Fight-Szene und Neonazis in Mecklenburg-Vorpommern einfach auszublenden ist nicht duldbar. Nach wie vor zeigen die Verantwortlichen vom First-Fight-Team, dass ihr Verhältnis zur rechten Szene vor allem von einer absoluten Distanzlosigkeit geprägt ist.

Wem nützt es?

Der Klüngel aus Neubrandenburger Veranstaltungs- und Türsteherszene wird versuchen, alle denkbaren PR-Strippen zu ziehen. Der für seine Entgleisungen im Kampf gegen das eigene rechte Image bekannte Rechtsanwalt Hagen Schäfer wird weiter mit der Klagekeule wedeln und von der tollen Truppe, deren Teil er mittlerweile selbst ist, berichten.


Mittendrin statt nur dabei, Hagen Schäfer – Quelle: Facebook

Durch das Ablenken der Diskussion vom eigentlichen Kernthema wird vermutlich sogar von Sport als Gewaltprävention die Rede sein. Die geschilderte Beteiligung von „Fightern“ an brutalen Hetzjagden zeigt, wie zynisch die vermeintlich unpolitische „Versachlichung der Debatte“ ist.

Vielleicht wird es am kommenden Montag aber auch jemand wagen, Tomzek und Dahms anzusprechen. Vielleicht sind die Organisatoren sogar so dreist und lassen ihre Vorzeige-Nazis auflaufen… doch übrig bleiben wird nur noch mehr Nebel. Und während im Nachbarkreis Neonazis weiter versuchen, Räumlichkeiten für Straßenkampftrainings anzumieten und Menschen jagen, werden die Geschäftemacher weiter ihre Propaganda der Harmlosigkeit verbreiten und einfach „nur“ ihr Ding machen.

weitere Infos:

Die Probleme sind bei weitem keine Neubrandenburger Besonderheit. Auch der Rostocker „Fight Night“-Kämpfer Siegfried Hille wurde erst durch antifaschistische Recherchen als Neonazi enttarnt. Auch an der Küste gab es daraufhin Diskussionen um den Umgang mit den „Fight Nights“. Wie weit der MMA-Sumpf reicht, zeigt auch die Geschichte des Cottbusser Neonazis Markus Walzuck, die ausführlich im aktuellen Antifaschistischen Infoblatt behandelt wird.