Archiv für Juli 2013

ring frei!

Mit freundlicher Genehmigung durch Kombinat Fortschritt:

“First Fight Team”-Trainer bläst zur Punkerjagd

Eine Massenschlägerei zwischen 16 Jugendlichen habe sich im Neubrandenburger Reitbahnweg ereignet und erst die Polizei konnte die Gruppen trennen. So nüchtern und trocken lasen sich die ersten Meldungen des Nordkuriers. Menschen, die einigermaßen sensibilisiert für die Tonlagen der Berichterstattung bei Naziübergriffen sind, stellten sich bereits jetzt die Frage, ob das wirklich die ganze Geschichte ist, dort also „normale“ Jugendliche in Streit geraten und handgreiflich geworden seien. Wie so oft stellte sich heraus: Nein, es ist nicht die ganze Geschichte. Nach allem was bisher bekannt ist, liest sich das ganze in etwa so: Am Abend des 20. Juni gehen drei Neonazis auf 13 nicht-rechte Jugendliche, vornehmlich Punks, zu. Unter den Nazis befindet sich auch mindestens ein Kampfsportler aus dem sattsam bekannten „First Fight Team“ Neubrandenburg. Es kommt zur Schlägerei, bei der auch Flaschen und Reizgas eingesetzt worden sein sollen. Der Kampfsportler, bei dem es sich um den 18-jährigen Philipp S. handelt, erleidet eine Platzwunde am Kopf und wird zur Behandlung ins Krankenhaus gebracht, das er aber auf eigenen Wunsch gleich wieder verlässt. Sein Trainer beim „First Fight Team“, Ronny Schindhelm, blies auf Facebook derweil zur Punkerjagd – jedenfalls fühlte sich eine Mischung aus Mob, Neonazis und Unterwelt dazu herausgefordert.


Philipp S. präsentiert sich auf Facebook | Screenshot Facebook


“200 Granaten” | Screenshot Facebook

Das „First Fight Team“ (FFT) Neubrandenburg ist Veranstalter der „Fight Night“, einer Kampfsportveranstaltung, die in der Vergangenheit heftiger Kritik seitens Antifa und Lokalpolitik ausgesetzt war. Zwei Kämpfer des Teams, Silvio Dahms und Denis Tomzek, sind langjährig aktive Neonazis. Dahms, der auf der Brust tätowiert das Logo der Kameradschaft Bargischow trägt, wurde 2011 auf den Plakaten zur „5. Fight Night“ in der gesamten Stadt gezeigt. In der Folge hagelte es Kritik. Als Reaktion richteten die beiden FFT-Chefs Schindhelm und Stefan Kreienbrink eine Image-Veranstaltung mit Showkampf aus, und luden Entscheidungsträger aus Stadtpolitik und Presse ein. Halbherzig distanzierten sie sich von ihren beiden Kämpfern, bei Wettkämpfen sollten sie nicht mehr auftreten. Die antifaschistische Gruppe AONB bemängelte, eine echte Distanzierung sähe anders aus, als die beiden einfach nicht mehr auftreten, sie jedoch weiterhin trainieren zu lassen. Dennoch schien der Plan aufzugehen und die Bedenkenträger in Stadt und Medien waren vorerst besänftigt. Antifas erbrachten zwar weiterhin neue Belege für die weitreichenden Verbindungen des FFT in die rechte Szene, reagiert wurde durch die Verantwortlichen aber nicht.

Lynchjustiz, Punkerhass, Sozialchauvinismus – alles dabei

Nun könnten deren Befürchtungen neuen Nährstoff erhalten. Schindhelm, der in der Diskussion um sein Team und dessen Veranstaltung nicht müde wurde seine Abscheu gegen jede Art von Politik „links wie rechts“ zu betonen, äußerte sich in Beiträgen bei Facebook wenig vorbildlich zu den Übergriffen um seinen Schützling Philipp S. „200 Granaten“, Schindhelm meint offenbar Schläger wie er sie trainiert, wären durch Neubrandenburg gezogen und hätten die vermeintlich Schuldigen aufgesucht, wäre S. „draufgegangen“. Andere User nehmen kein Blatt vor den Mund: „Punkerfotzen“ und „Dreckspack“ sind noch die harmloseren Beschimpfungen, die herumschwirren. Mit 1000 statt 200 „Granaten“ müsse man auf „das Pack“ rauf, meint „Maik Volksdorf“. Der Beitrag wird fast 100 Mal geteilt, bevor Schindhelm seine Statements wieder löscht.

Als der Trainer behauptet, S. läge mit Stichwunden im Krankenhaus und sei fast verblutet, kocht die Stimmung in der Kommentarspalte hoch. Doch wie passt das mit der Selbstentlassung Philipp S’. und der Kopfplatzwunde zusammen, von der der Nordkurier berichtete? Gar nicht, aber das stört die Facebook-Meute nicht weiter. Dort wird sich stattdessen über die Berichterstattung des Nordkurier und dessen vermeintliche Falschdarstellung der Verletzungen echauffiert, garniert mit der in Nazikreisen allgegenwärtigen Erklärung, dass „die Presse“ eben „eine unglaubliche Macht ausübt“. „Die Presse lügt“, eine der beliebtesten Naziparolen, kaum verklausuliert. Wenig später postet ein User ein Video der Naziband Sleipnir, das Posting wird prompt mit „Gefällt mir“ markiert.

Nur wenige Kommentatoren lassen sich die Gelegenheit entgehen ihren Ressentiments gegen Punks freien Lauf zu lassen. Dazu präsentieren sie dann auch die eigenen Wunschlösungen: Folterkeller, Arbeitslager, im Zweifel Prügel – Sozialchauvinismus, Lynchjustiz und Vernichtungsgelüste, man kennt das ja.

Mehrfach versuchen Kommentierende Schindhelm zu beruhigen und ihm zu Besonnenheit zu raten. Doch der lässt sich nicht beruhigen. Im Stakkato und mit wohl festgeklemmter !-Taste postet er einen Beitrag nach dem anderen, will sich nicht den Mund verbieten lassen und erfindet immer neue Bewaffnungen, die die Punks bei sich getragen haben sollen – selbst Morgensterne.


Folterkeller Screenshot

Dabei hält Schindhelms Distanzierung von „links wie rechts“ auch einer nur oberflächlichen Überprüfung nicht stand. Einer seiner Mitkommentierenden ist der Anklamer Neonazi Frank Schumacher. Dessen Facebookprofil zeigt auch ein Foto der Gebrüder Schindhelm, im Hintergrund sind die Pokale des FFT zu sehen. Schumacher kommentierte das Foto mit anerkennenden Worten über die besten Trainer die er kenne. Während eines Prozesses um Neonazi-Angriffe auf Punks in Anklam wurde Schumacher vor dem Anklamer Amtsgericht der Mittäterschaft beschuldigt, die Staatsanwaltschaft kündigte damals an die Aufnahme von Ermittlungen zu prüfen.

Parallelen zu Pölchow und Toitenwinkel

Wie häufig in solchen Diskussionen, stoßen sich viele an dem vermeintlich unfairen Zahlenverhältnis von Punks und Neonazis. Doch allein die zahlenmäßige Überlegenheit der Punks als ein Indiz für deren Schuld zu werten, ist falsch. Erinnert sei hierbei an die Harakiri-Aktion von drei Rostocker Neonazis im Landtagswahlkampf 2011, die mit Pfefferlöschern bewaffnet etwa 70 Teilnehmer eines antifaschistischen Stadtspaziergangs angriffen, dann jedoch überstürzt die Flucht ergreifen mussten. Nur die gute Dokumentation des Vorfalls durch Fotografen konnte damals die erste Deutung, dass nämlich die linken Jugendlichen die Neonazis angegriffen hätten, widerlegen. Es ist eine beliebte Strategie von Neonazis, sich nach Angriffen selbst als Opfer zu inszenieren. Traurige Bekanntheit erreichte der erfolgreiche Versuch von Udo Pastörs (NPD) nach dem brutalen Überfall auf linke Bahninsassen in Pölchow 2007 in Gesprächen mit der Polizei die Geschehnisse praktisch umzudrehen. Plötzlich hieß es, die Linken hätten die Neonazis im Zug überfallen. Diese Falschdarstellung bestimmte danach die Ermittlungen der Polizei und konnte auch im drei Jahre später stattfindenden Prozess nur teilweise revidiert werden. In die Hände spielt den Neonazis dabei die Skepsis, dass eine zahlenmäßig stark unterlegene Gruppe eine überlegene angreifen würde. Spätestens die Ereignisse in Rostock-Toitenwinkel haben jedoch eindrucksvoll bewiesen, dass rationales Handeln bei Neonazis nicht vorausgesetzt werden kann. Weiter muss davon ausgegangen werden, dass ein kampfsporterprobter Neonazi wie Philipp S. durchaus Willens und in der Lage ist, es mit mehreren vermeintlich schwachen Kontrahenten aufzunehmen.

Die Neubrandenburger Polizei, die die Gruppen trennte und Ermittlungsverfahren einleitete, hat im Übrigen keine Messer gefunden. Und auch keine Morgensterne.


Frank Schumacher über die Schindhelm-Brüder (Ronny Schindhelm rechts)