Archiv der Kategorie 'bericht'

Nazis aufs Maul?


Umgestaltung einer Fight-Night-Werbung in Neubrandenburg

Seit einigen Tagen gerät der Fightclub NB, Veranstalter der 5. Neubrandenburger Fight Night, mehr und mehr unter Druck. Anlass sind zwei Neonazis auf dem Werbeplakat1 des „Sport“-Events, deren Präsenz die Debatte um die Nazi-Affinität der Mixed-Martial-Arts-Szene (MMA) wieder anheizen dürfte.

Auf dem Ankündigungsplakat posiert etwa der vorpommersche MMA-Kämpfer Silvio Dahms – standesgemäß Oberkörper frei – und präsentiert so ein tätowiertes Kameradschaftslogo auf der Brust.

Das KB steht für Kameradschaftsbund, das zweite B vermutlich für Bargischow und der Rest besteht aus in der rechten Szene beliebten Symbolen wie den Lebensrunen, dem Weltenbaum und dem Zahnrad. Bislang waren ähnliche Logos nur bei Aufmärschen auf den Kleidungsstücken von Neonazis aus Bargischow und Ducherow zu sehen, wie zuletzt bei einem Fahnenträger beim Neonaziaufmarsch am 01. Mai 2010 in Rostock. Silvio Dahms ist die ultrarechte Clique offenbar so wichtig, dass er sich deren Zeichen in die Haut stechen ließ und öffentlich zeigt. Weniger auffällig aber nicht weniger überzeugt dürfte Denis Tomzek sein. Der Star des Abends ist nicht nur Gewinner mehrerer Titel, sondern offenbar auch aktives Mitglied der rechten Szene, unter anderem mit Kontakten zur mittlerweile verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ).

Quelle: Indymedia

Wer solche Freunde hat…
Tomzek, zum wiederholten Male auf Fight-Night-Plakaten, dürfte die Vorwürfe bereits kennen und gut verkraften. Da er offenbar seit jeher Rückendeckung seines Vereins (Politik sei Privatsache… und so) genießt, zeigt er seine Gesinnung immer wieder öffentlich auf Demos2.
Dahms hingegen scheint etwas leiser treten zu wollen… so hat der 26-jährige seine nb-town-Seite, nach Erscheinen des Artikels, kurzfristig entschärft und seine Selbstbeschreibung „Erlebnisorientiert, Urgermanisch schlaggewaltig und Drogenfrei“ (FeHlEr iM oRiGinaL Anm. Red.) entfernt. Geblieben sind allerdings die Mitgliedschaften in Gruppen, die die Todesstrafe für Sexualstraftäter fordern – eine Parole, die der NPD verstärkt als Türöffner in unpolitische, bildungsferne, provinzielle Milieus dient3. Auch die Freundschaften mit Aktivisten des so genannten „Jungsturms Pommern“ (ehemals Heimatbund Pommern4) und anderen Kameradschaftsmitgliedern unterstreichen die Verbindungen Dahms‘ in die rechte Szene5.

Der Verein ist, aus Angst vor einem Verbot der Veranstaltung und dem immensen Rufschaden, bemüht, die Sache kleinzureden und von der Öffentlichkeit fern zu halten. Die Werbetrommeln werden eifrig gerührt und Anwälte halten bürgerlich-demokratische Versuche, unter anderem die Sponsoren über die Zusammenhänge aufzuklären, zurück. Nun hat auch der Nordkurier einen Werbeartikel für die Veranstaltung und ihre regionalen Teilnehmer, nach kurzer Zeit wieder entfernt:


Screenshot des NK-Artikels (Lokalsport Usedom – Quelle: Google-Cache)

Seitdem warten die Journalist_innen ab…

Mit Nazis spielt man nicht.
Sport ist Sport. Doch wenn Neonazis in den Gyms den Straßenkampf proben und ganz unverblümt in tausendfacher Ausführung ihre Bekennersymbole verbreiten, stellt sich die Frage, warum Stadt (Veranstaltungszentrum – VZN6) und Nordkurier keinen Bedarf sehen, die Vorgänge transparent zu machen. Vielleicht zeigt sich aber auch nur wiederholt, dass nicht einmal die Institutionen der Neubrandenburger Öffentlichkeit ausreichend sensibilisiert sind.

So bleiben die Plakate hängen und der Vorverkauf geht eifrig weiter – kein Bedarf, die Vorwürfe zu thematisieren. Wir haben kein Naziproblem hier… in Neubrandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, 2011… wir bestimmt nicht.

UPDATE: Der Nordkurier ist bereits an der Sache dran und wartet derzeit noch auf offizielle Statements der Veranstalter. Da werden dann sicher Bekenntnisse gegen Rassismus und Gewalt angekündigt, man kennt das. Das Gejohle mancher Teile des bierseligen Publikums ist vorhersehbar.

  1. Inhaltlich ergänztes Fight-Night-Plakat [zurück]
  2. Fight Night NB: Disziplin und Manneszucht – Indymedia [zurück]
  3. Info-Text zur NPD-Kampagne / Nazidemo 25.09.2010 in Schwerin [zurück]
  4. Nur für Neugierige: Der „Jungsturm“ über seine Zukunftsplanung im Naziforum widerstand.info [zurück]
  5. Bildschirmfoto Dahms‘ Profil in der Weltnetzgemeinschaft NB-Town[zurück]
  6. bisher dafür bekannt Homosexuelle aus ihren Lokalitäten zu werfen, im Namen des Herrn [zurück]

beim nicht-vergessen was vergessen

Am vergangenen Wochenende kamen 1400 so genannte Ostpreußen im Neubrandenburger Jahnsportforum zusammen, um sich mit Marschmusik, Trachten und Tänzen ihrer bzw. der Geschichte ihrer Vorfahren zu erinnern.

Immer mehr drängen Vertriebene auch anderswo mit ihren Geschichten in den Vordergund der Kriegserinnerung und leugnen den Ausgangspunkt aller weiteren Geschichte: den Deutschen Faschismus und den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg. Dabei beteuern sie stets, man wolle das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, wie auch am Sonnabend „Landesgruppenschef“ Manfred Schukat. Allergings erwarte man endlich Gerechtigkeit und eine „Erklärung“ von Seiten Polens, zitiert der Nordkurier weiter.

Eine Erklärung wofür? Für die 6 Millionen Pol_innen, die von deutschen Soldaten, der SS und der deutschen Bevölkerung ermordet wurden? Für die 3 Millionen polnischen Zwangsarbeiter_innen, die aus ihrer Heimat verschleppt wurden, um in der deutschen Kriegsindustrie zu arbeiten? Für die Zerstörung der polnischen Städte durch den Krieg und die Strategie der verbrannten Erde?

Kein_e Pol_in muss sich erklären… wie die anderen Bürger_innen des Deutschen Reiches, haben auch die Ostpreuß_innen ihr „Schicksal“ selbst gewählt. 1933 erzielte die NSDAP in den östlichen Wahlkreisen Ostpreußen, Pommern und Frankfurt/Oder mit über 55% die besten Ergebnisse im Reich.
Wie üblich für Vertriebenenverbände (und seien sie noch so „gemäßigt“) wird der Ausgangspunkt für die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg ausgeblendet, um sich in der Erinnerung an die verlorene Heimat zu aalen und Geschichte zu emotionalisieren. Mitunter zweifellos tragische und ungerechte Schicksale werden für revanchistische und revisionistische Zwecke missbraucht und mit ihnen moralische Einbahnstraßen gebaut, um jede Gegenrede zu vermeiden. Dabei tradiert die vermeintlich unpolitische Heimattümelei genau das Denken, das die Ursache für ihre Geschichte war. Der deutsche Nationalsozialismus und der polnische Nationalismus produzierten, wie jeder andere Patriotismus, ein exklusives, menschenverachtendes Denken vom „wir“ und „ihr“.
So ist das klägliche Gejammer um die verlorene Heimat auch immer ein Bedauern der Kriegsniederlage. Zwar sind die deutschen Täter_innen von einst größtenteils schon verstorben… doch ihre Kinder stilisieren sich jetzt, im Schleier der Vergesslichkeit, zu Opfern und begehen überall im Land ihre gruseligen Vertriebenenfeste.
Weite Teile der CDU feuern den Vertriebenenkult und die Verdrehung der Geschichte und die Vernebelung der Zusammenhänge immer wieder an. Kaum eine andere „Volksgruppe“ ist so beharrlich, wie die deutschen „Vertriebenen“.
Dabei haben von den Millionen Menschen, die im 20. Jahrhundert Vertreibung und Zwangsumsiedlung zum Opfer fielen, nur die wenigsten das Glück gehabt, eine neue Heimat und gesellschaftliche Anerkennung zu finden, wie ihre deutschen „Leidensgenossen“.
Nach wie vor werden Sinti und Roma überall in Europa diskriminiert und ausgegrenzt. Noch immer leugnet die Türkei den Völkermord an den Armenier_innen. Noch immer sind die Spuren der rassistisch motivierten Genozid-Versuche auf dem Balkan zu spüren. Überall in Amerika und Australien kämpfen indigene Minderheiten vergeblich um die Anerkennung ihres Schicksals.
In Deutschland hüpft und tanzt das vertriebene Volk und weint der ruhmreichen Vergangenheit hinterher, kassiert Renten, schreibt Bücher und dreht Dokumentationen über die „verlorene Heimat“.

Jeder Vertriebenen-Nationalismus ist revanchistisch… die „Wunde“ der Vertreibung ist das Symptom der Nicht-Verarbeitung des Nationalsozialismus, der Nicht-Anerkennung der eigenen Schuld.

Kein Mitleid mit den Tätern.
Patrioten sind Idioten. Überall.

m-v ist alternativ!

Etwa 200 Jugendliche demonstrierten heute gut gelaunt und bei bestem Wetter in Burg Stargard für eine bunte, weltoffene und friedliche Gesellschaft. Getreu dem Motto „Reclaim the Streets“ ging es mit Musik und zahlreichen witzigen Aktionen vom Bahnhof einmal quer durch das mecklenburgische Städtchen und zurück. Die meisten der jungen Menschen waren vom derzeit in Lärz stattfindenden AjuCa angereist, um in der „Stadt der Rosen“ für alternative Jugendkultur zu werben.

Viele der Passanten zeigten sich erfreut von der Anwesenheit der linken Demonstrant_innen und nahmen bereitwillig Infomaterial entgegen. Burg Stargard sowie das Stargarder Land sind, mit Wahlergebnissen von über 10% für die NPD, rechte Hochburgen in der Region um Neubrandenburg. Weite Teile der örtlichen Jugendszene werden seit Jahren vom ehemaligen Stadtvertreter und aktiven Neonazi Norman Runge dominiert und indoktriniert, Naziaufkleber und -parolen prägen das Stadtbild… ein trauriges Beispiel für fremdenfeindlichen Alltag in der mecklenburgischen Provinz – so dauerte es auch heute nicht lange, bis es am Rande des Demonstrationszuges zu Provokationen kam: ein angedeuteter Hitlergruß aus dem Fenster, geballte Fäuste von einer die Demo passierenden Nazi-Treckerfahrt und Runge persönlich, der aus dem Auto heraus die Demonstration fotografieren wollte.
Doch der Zug ließ sich nicht beirren, blieb kräftig und laut und befreite Burg Stargard von Nazischmierereien und -aufklebern.

Die Polizei – anfangs ziemlich nervös und überfordert – rückte zwar mit allerhand Fahrzeugen samt Personal an, blieb aber bis zum Ende ruhig und freundlich.

Nazis heimsuchen! Gegen den rechten Normalzustand!




von alten und neuen helden

Jedes Jahr am 20. Juli ehren Offizielle von Regierung und Militär den Mordanschlag der Nazi-Offiziersclique um Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf Adolf Hitler 1944. Zwar spricht nichts dafür, dass es Stauffenberg darum ging, den rassistischen, mörderischen Nationalsozialismus zu beseitigen, doch offenbar qualifiziert die bloße Absicht, Hitler töten zu wollen zum demokratischen, toleranten Menschen. Und da es offenbar an bürgerlichen, gut-deutschen Helden mangelt, sieht man es nicht so genau mit den historischen Tatsachen. Eifrig wird am Mythos Stauffenberg als eine Art demokratischen Urtyps gearbeitet. Der versuchte Tyrannenmord wird ohne wenn und aber zur einzigen vorbildlichen Heldentat stilisiert.

Für die Bundeswehr ein gefundenes Fressen, wieder militärische Tugenden in die Gesellschaft zu tragen. Ruhm, Ehre, Tapferkeit und Heldenmut finden sich auf Abzeichen, Urkunden und auch bald auf Denkmälern. Das „Öffentliche“ (sic!) Gelöbnis vor dem Reichstag ist bereits etabliert.

Wie andere Gruppen zuvor, haben sich auch in Neubrandenburg erneut Menschen zusammen gefunden, die so ihre Zweifel an der Aufrichtigkeit der vielen Bürger_innen in Uniform haben, die zum Morden ausgebildet, dafür bezahlt und geehrt werden. Wiederholt wurde darum der Gedenkstein für die Panzergrenadierdivision „Hanse“ verschönert:

Die Militarisierung der Gesellschaft kann von uns nicht hingenommen werden. Wir stellen uns gegen die Verharmlosung von einer „weltweit agierende Interventionsarmee’’. Das Gerede von den „humanitären oder friedenschaffenden Einsätzen“ täuscht nicht darüber hinweg, dass in der Bundeswehr das Mordhandwerk gelehrt und gelernt wird, um Krieg gegen andere Länder zu führen. Genauso wenig ist die Bundeswehr dazu da, „das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“ – im Gegenteil: Mit dem geplanten Bundeswehreinsatz im Inneren sollen in Zukunft die Streitkräfte gegen die Bevölkerung eingesetzt werden können, gegen Massenproteste und Streiks. Nicht zu Verteidigung, sondern zur Unterdrückung von Freiheitsrechten.

den ganzen Text gibt’s bei Indymedia

Keinen Frieden mit der Bundeswehr!
Soldaten sind Mörder, keine Helden!

nord(ic) kurier

Nur wenigen Aufmerksamen dürfte es aufallen, doch genau darin liegt das Problem: immer wieder schafft es die Neonazi-Kleidermarke Thor Steinar durch ihre Träger_innen in die Medien, die sich so zum Werbeträger menschenverachtender Ideologie machen. Nazis senden, ohne sich stumpfer Parolen oder auffälliger Symbolik bedienen zu müssen, Signale an ihre Gesinnungsgenoss_innen und an alle, die es werden wollen. Noch dazu bekommen die Vertreiber_innen der Textilien kostenlose Werbung für ihre Produkte.

Seit mehreren Jahren klären Antifagruppen über den Hintergrund der Marke auf, immer wieder gab es Demonstrationen, Flugblätter, Offene Briefe und Aufkleber. Insbesondere in Mecklenburg-Vorpommern war das Thema durch Naziläden wie die ECC in Rostock oder Zutt’s Patriotentreff in Waren in der Diskussion. Doch vielen ist noch immer nicht klar, dass im Falle von Thor Steinar Kleider tatsächlich Leute machen.
Die Symbolik und Aussagekraft der Marke zielt unzweifelhaft auf Neonazis. Doch geht die Strategie der Gründer dahin, auch jenseits der eigenen Szene Abnehmer_innen zu finden. Man will nicht nur Zulieferer für die bereits Bekehrten sein, sondern breite Öffentlichkeit für die modische Nazi-Klamotte schaffen. Mit äußerst zweideutigen, für das ungeschulte Auge nichts-sagenden, Botschaften und nordischer Mythologie gibt sich die Marke normal und unpolitisch. Zudem soll es Nazis so auch möglich sein, sich untereinander zu erkennen, auch wenn sie sich nicht gerade Schriftzüge wie „Opa war in Ordnung!“ oder „Aryan Warriors“ auf T-Shirts durch die Gegend tragen. So hat sich die Marke innerhalb weniger Jahre in der gesamten Naziszene durchgesetzt und findet sich nahezu uniform bei Naziaufmärschen und Rechtsrock-Konzerten.

Demouniform Thor Steinar

Finden sich dann übereifrige Schreiberlinge wie Roland Gutsch vom Nordkurier, der den netten Nazi aus dem Oberhavelkreis beim Intelligenzwettbewerb „Allcartreffen“ im Nazi-Chic ablichtet und auf Seite 2 des Lokalteils (Neubrandenburger Zeitung vom 20.07.2009, S. 12) bringt, ist das Ziel der Marke wohl erreicht: unfreiwillige Bewerbung und Akzeptanz von Nazi-Devotionalien in den Medien der ominösen Mitte der Gesellschaft.

Es ist beschämend, dass ganz offensichtlich selbst unter Journalist_innen derart leichtfertig mit der Nazimode umgegangen wird.
Es geht dabei nicht um ein paar T-Shirts. Es geht um eine offene Auseinandersetzung mit den teils sehr subtilen Repräsentationsformen neofaschistischer Gesinnung. Thor Steinar ist keine Marke wie jede andere. Thor Steinar findet sich (noch) nicht in einem Geschäft wie jedem anderen.
Wer Thor Steinar trägt ist Gesinnungstäter – da gibt es kein „aus Versehen“ oder „nicht gewusst“. Und genau darum ist von einem verantwortungsvollen Journalisten ein offenes Auge zu erwarten, wenn er einen Neonazi vor sich hat.

Stopp Thor Steinar!

[w³] mehr über die Hintergründe der Nazimarke

zahnlose tiger

Gestern versammelte sich die im Juli neu gewählte Neubrandenburger Stadtvertretung zu ihrer konstituierenden Sitzung. Erstmalig auch als Teilnehmer dabei: der Neonazi Jens Blasewitz vom Lindenberg.
Als seine Fans unter anderem mit von der Partie: Norman Runge aus Burg Stargard (Angestellter bei der Diakonie in Weitin und ehemaliger Gemeindevertreter in Burg Stargard) und der 2006er Landtagskandidat Sven Leibnitz (MST-II/MÜR-II 9,1%).

Der Antifaschistische Widerstand gegen den ersten bekennenden Neonazi in der Neubrandenburger Stadtvertretung gab nur ein kurzes Zwischenspiel vor dem Rathaus, als etwa 20 Jugendliche ein Transparent mit dem Spruch „Konstruktive Politik statt Nazi-Parolen“ entfalteten um gegen Blasewitz zu protestieren.
Im Rathaus ging es jedoch wesentlich entspannter zu. Von der wehrhaften Demokratie war nicht viel zu spüren. Ganz offensichtlich hatten sich die so genannten demokratischen Parteien darauf geeinigt, den Neuen im Ratssaal, hinten rechts neben der FDP, zu ignorieren. Man hofft wohl, dass es still bleibt um den bislang unauffälligen Blasewitz. Keine unnötigen Reibereien, die ihn aus der Reserve locken könnten. Keine Aktionen, die die Stadtvertretung für Medien und Bürger interessant machen könnten. Keinen Eklat wie anderswo – mensch könnte ja denken, Neubrandenburg hätte ein Naziproblem?!? So zeigte sich die Wehrhaftigkeit nur in schüchternen Nebensätzen, in denen für ein friedliches, demokratisches und anständiges Miteinander plädiert wurde.
Mit keiner Silbe wurde in den vielen Worten der Begrüßung erwähnt, dass sich etwas verändert hat. Dass es ausreichend Neubrandenburger_innen gab, die einem Rassisten und Faschisten ihre Stimme gaben und diesen so in die Stadtvertretung wählten. Dass dieser nun unter ihnen sitzt und unsere Stadt mitgestalten darf, so lange seine Organisation legal bleibt. Auch keine Ermutigung zum gemeinsamen Handeln gegen die menschenverachtende Idee, die Blasewitz vertritt, keine Gesten der Geschlossenheit, einfach… nichts! Stattdessen gab es Glückwünsche, Blumensträuße, Loblieder auf vergangene Legislaturen und das übliche Händeschütteln. Blasewitz selbst zeigte sich gelangweilt und tauschte höchstens verliebte Blicke mit Norman Runge aus, der ihn grinsend in die NPD-Kommunalparlamentsstrategie der inneren Emigration einwies, mit der dieser bereits in Burg Stargard punkten konnte.

Ein Thema totzuschweigen und zu ignorieren ist keine seltene Strategie der gegenwärtigen Politik. Die Waffe der Verdrängung funktioniert, wenn die Ausdauer der Verdrängten nur von zwölf bis Mittag reicht. Verfolgt Blasewitz mit seinem Mandat jedoch ein Interesse jenseits des Symbolischen, könnten unsere Kommunalpolitiker_innen noch ins Schwitzen kommen. Die Auseinandersetzung mit Naziparolen war bislang allenfalls mehr schlecht als recht der Spielplatz einiger Linker oder SPDler. Ein geschulterer, ambitionierterer Blasewitz als der gestrige wird der Stadtvertretung Probleme bereiten. Die Selbstbeweihräucherung der „aufrichtigen“ Demokraten hilft dann nicht weiter…

Es gibt keinen Königsweg in der Auseinandersetzung mit Nazis. Der Konfrontation dann aber völlig aus dem Weg zu gehen ist allerdings ein bedenklicher Vorgang. Die Ideologie hinter den Nazi-Parolen bleibt so nämlich im Verborgenen und wird nicht als Problem thematisiert. Die NPD-Vertreter_innen sammeln unbehelligt praktische Erfahrungen in kommunaler Politik. Beim nächsten Mal sind es dann vielleicht schon zwei, drei, viele Kandidaten, die gewählt werden und nicht mehr nur rumsitzen wollen. Die Demokraten in der Neubrandenburger Stadtvertretung haben sich auf ein gefährliches Experiment eingelassen und damit die Verantwortung für die Bekämpfung des Neofaschismus in unserer Gesellschaft von sich gewiesen.

Darum ist es wichtig, selbst aktiv zu werden.
Nazis aus der Deckung holen… auf der Straße, in den Parlamenten, überall!

Leibnitz
Nahkämpfer Blasewitz (18. Januar 2008)

Leibnitz
Sven Leibnitz (rechts)

Runge
‚Querdenker‘, ‚Philosoph‘…

Runge
… und Nazi-Aktivist Norman Runge (links)

wie oft?

Die Brutalität mit der Nazis gegen Menschen vorgehen, die ihrer Ansicht nach „anders“ sind, sorgt immer wieder für Erschrecken. Am vergangenen Sonntag wurde wieder offenbart, wie weit faschistischer Hass gehen kann – in Berlin schlugen vier polizeibekannte Neonazis einen alternativen Jugendlichen halb tot. Nachdem der junge Mann schon bewusstlos am Boden lag, brach ihm einer der Angreifer – mit einem so genannten „Bordstein-Kick“ – Schädel und Kiefer.

Aus diesem Anlass wird es am kommenden Samstag (18. Juli 2009 / 18.00 Uhr / Bersarin Platz / Berlin-Friedrichshain) eine große Bündnis-Demonstration gegen Nazi-Terror geben.

http://img148.imageshack.us/img148/2066/uebergriff.jpg

Wandelt Wut in Widerstand!
Nazis mit allen Mitteln bekämpfen – überall – jederzeit!

-----

Auch wenn es in letzter Zeit vergleichsweise ruhig war und die rechte Szene vor Ort schlecht organisiert zu sein scheint – Übergriffe von Neonazis sind auch in Neubrandenburg und Mecklenburg-Vorpommern keine Seltenheit.

Hingewiesen sei dabei auf einen Übergriff aus der vergangenen Woche: eine Gruppe von Neonazis ging in der Neubrandenburger Innenstadt auf alternative Jugendliche los und brach dabei einem von ihnen das Nasenbein – am helligten Tag, Passanten schauten zu – man kann von Glück reden, dass es „nur“ mit einem Schock und einer gebrochenen Nase endete. Die Täter stammen aus der vorpommerschen Kameradschaftsszene.
Erwähnt werden muss auch der brutale, hinterlistige Angriff auf den Jugendclub „Phönix“ in Güstrow. Nachdem sieben vermummte Neonazis den Club mit Flaschen bewarfen flüchteten die Jugendlichen zunächst in den Club. Die Angreifer folgten ihnen jedoch, schlugen mit Schlagstöcken auf die Anwesenden ein und demolierten die Einrichtung sowie Computertechnik. Dabei wurden vier junge Menschen verletzt, drei mussten ins Krankenhaus. „Wir haben uns in einem Hinterraum verbarrikadiert und gewartet, bis es vorbei ist“, berichtete eines der Opfer später.
Zwei Ereignisse, die für eine hohe Dunkelziffer stehen, also nur die Spitze des Eisbergs. Die meisten Übergriffe kommen erst gar nicht an die Öffentlichkeit, weil der politische Hintergrund verborgen bleibt/wird, oder weil sie schlichtweg nicht den Weg in die Medien finden.

Treffen kann diese Brutalität jede/jeden die/der nicht in das rechtsextreme Weltbild der Täter_innen passt. Dazu gehören vor allem Menschen aus dem (links-)alternativen Spektrum oder Menschen mit Migrationshintergrund. Rechte Gewalt – egal in welcher Form – braucht keine Organisation oder feste Strukturen, sie kann schon von ein, zwei, vielen Neonazis ausgehen; sie kann geplant sein oder spontan eskalieren.

Solidarität ist eine Waffe. Lasst die Opfer solcher Übergriffe nicht allein. Vor allem aber versucht nach Möglichkeit zu verhindern, dass diese überhaupt Opfer solcher Attacken werden. Organisiert euch, tauscht euch mit euren Kolleg_innen aus und macht zur Not auch von eurem Recht auf Selbstverteidigung gebrauch. Klärt eure Mitmenschen auf – über Neonazis in der Nachbarschaft, Übergriffe oder Plätze die bei Nacht besser nur in Gruppen besucht werden.
Falls ihr selbst Opfer eines Übergriffs wurdet oder eine Auseinandersetzung für euch gerichtliche Konsequenzen nach sich zieht, meldet euch bei den zuständigen Stellen. Für Mecklenburg-Vorpommern: LOBBI – Opferberatung für Betroffene rechter Gewalt

Schluss mit dem Naziterror! Antifaschistischen Widerstand organisieren!