In den Augen vieler Bürger_innen ist Antifaschismus eine Protesthaltung, die sich in Vandalismus, Krawall und Ablehnung äußert. Unterstützt wird diese Meinung vor allem natürlich von so genannten Nationalisten, aber auch mehr und mehr aus dem konservativen Spektrum. Die Medien schüren mit ihrer selektiven Berichterstattung den Hass und das Unwissen gegenüber der „linken“ Szene. Erschwerend dazu kommen viele Hobby-Weltverbesserer, die sich Antifaschismus auf ihre Fahnen schreiben, weil es en vouge ist „gegen rechts“ zu sein. Daraus resultiert, dass jede antifaschistische Bewegung ihr Handeln rechtfertigen und erklären muss – eine Selbstbetrachtung.

//. die stadt der vier tore

Zunächst gilt es, die Frage zu klären, warum ausgerechnet das „rote“ Neubrandenburg Aktionsfeld einer Antifa-Gruppierung sein soll und warum es diese dringend nötig hat. Dabei liegt die Begründung auf der Hand:
Durch die stetig ausgereiftere, kumulative Vergesellschaftung inhumaner und destruktiver Attitüden wie Faschismus, Rassismus, Militarismus aber auch Sexismus sowie Klassendenken in unserem Land, kommt es auch in der einstigen roten Hochburg zu einer Neugestaltung des Stadtbildes. So ist es Normalität geworden, dass Rechtsradikale auf Straßenfesten, aber auch im allgemeinen Stadtleben (durch ihr Auftreten und ihre teils implizite Symbolik) immer mehr Präsenz demonstrieren können.
Verdeutlicht wurde dies wohl aktuell durch den Versuch, der Motorradgruppierung Bandidos, sich mit einem Thor-Steinar-Laden direkt in der Innenstadt niederzulassen. Ebenfalls ist es geduldete Routine, dass in der Neubrandenburger Heavy-Metal-Radiosendung „Interregnum“ (NB-Radiotreff) rechte Propaganda, vertont, niedergeschrieben und verbreitet wird.
Doch nicht nur lokal agierende Elemente, sondern zunehmend auch Rechtsextreme von außerhalb versuchen, rechten Strukturen in Neubrandenburg den geeigneten Nährboden für ihre Ideologie zu schaffen. Seit nunmehr sieben Jahren in Folge marschieren die Mitglieder der NPD und verschiedener freier Kameradschaften einmal jährlich durch die Viertel der Stadt, um eine andauernde Resonanz zu erreichen. Auch Schulhöfe werden immer öfter von Burschenschaftsscouts – wie die der „Rugia“ aus Greifswald – und NPD-Funktionären besucht, die unscheinbar versuchen, Flyer, CDs oder Zeitungen zu verteilen, oder durch ihre bloße Präsenz zu provozieren.
Jedoch hat Neubrandenburg nicht nur mehr und mehr mit den äußersten Rechten zu kämpfen. So ist es auch der konservative Flügel der lokalen Parteienlandschaft, der systematisch die einst große kulturelle Vielfalt der Stadt zu zerstören versucht. Einrichtungen der Künstler-Szene, wie das Latücht und das Schauspielhaus, aber auch Jugendklubs wie das Tabulos oder AJZ und viele andere Vereine müssen um ihre Existenz bangen, da der Oberbürgermeister und seine Helfershelfer die verfügbaren Gelder lieber für Parkplätze unter dem Marktplatz verprassen, anstatt sie in kulturell aber vor allem auch sozial nützliche Projekte zu investieren.
Wir, die Antifaschistische Offensive Neubrandenburg, haben uns der Aufgabe verpflichtet, den herrschenden Konsens von Inhumanität und Sparwahn anzugreifen. Wir sind sind eine Gruppe von mehreren Jugendlichen aus Stadt und Umland, die konstruktiv, aber auch aggressiv und offensiv „Nein!“ sagen. Wir wollen die Bürger_innen politisieren, um gemeinsam für ein Ende des Neoliberalen und Neofaschistischen Spuks in unserer Stadt zu sorgen.

Wir wollen uns aber nicht auf einen blinden, lokalen Aktionismus beschränken. Basis für antifschistisches Arbeiten ist ein ganzheitliches, kritisches und hinterfragendes Weltbild, welches sich äußerst komplex zusammensetzt.

//. kein vergessen

Antifaschismus und Antirassismus sind mehr als eine Kulturform oder Protesthaltung. Es geht um die aktive Bekämpfung des Faschismus und der Rassendiskriminierung in unserer Gesellschaft. Die Zerrbilder der Medien und mangelndes Wissen der Bevölkerung sorgen für ein gefährliches Defizit und bieten den braunen Rattenfängern ein gewaltiges Potenzial. Faschistisches Gedankengut, Antisemitismus und Rassendiskriminierung sind seit Jahrhunderten im Wesen der Europäer verankert – die Kontrollsucht der Deutschen und der nationalsozialistische Rassenwahn waren der Höhepunkt dieser Tradition. Doch die Bekämpfung des braunen Spuks war mehr als mangelhaft – stalinistische Gehirnwäsche auf der einen und die Reintegration der NS-Verbrecher auf der anderen Seite sorgten für einen idealen Nährboden, auf dem heute erneut völkisch-rassische Gesinnungen gedeihen können. Unser Ziel ist es, dieser Tendenz durch diverse Aktionsformen entgegenzuwirken. Zu unserer Arbeit gehört es vor allem, die nationalsozialistischen Strukturen in unserer Region zu enttarnen, offen zu legen und sie an ihrem Arbeiten zu hindern.

//. from protest to resistance

Ein weiteres Aufgabenfeld, dem wir uns verschrieben haben ist der Antikapitalismus bzw. die Systemkritik. Dabei sind wir uns durchaus darüber im Klaren, dass wir ein Teil und auch ein Symptom des alleinvernehmenden Systems Kapitalismus sind. Unsere Art der Partizipation ist jedoch nicht Akzeptanz, sondern die offensive Mit- und Umgestaltung der Gesellschaft zur Überwindung dieses asozialen, repressiven, ausbeuterischen Zustandes. Der Neoliberalismus erzieht den Menschen zum nichts-hinterfragenden Werkzeug der Wirtschaft, die sich ihrerseits durch rücksichtslose Profitsucht und den Glauben an sozialdarwinistische Auslese auszeichnet. An Stelle von Moral und Ethik stehen Ignoranz, Misstrauen und Neid, die Haupttriebkraft unserer Gesellschaft. Der kritische Diskurs über eine alternative Politik für eine menschlichere Gesellschaft findet seit Jahrzehnten fernab der öffentlichen Wahrnehmung statt – Opposition bleibt maximal parlamentarisch oder wird aggressiv bekämpft. Unser Engagement, unsere Solidarität und Unterstützung gelten daher denen, die sich der kapitalistischen Verwertungs-logik widersetzen und alternativen aufzeigen. Wir setzen uns ein für ein hierarchiefreies und selbstbestimmtes Leben, in denen es Menschen – egal welchen Alters, Geschlechts und welcher Herkunft – möglich ist, sich frei zu entfalten, selbst zu engagieren und ein kritisches Bewusstsein zu bilden.Wir sind bereit, uns den illegitimen Gewalten zu widersetzen und im Rahmen unserer Moral- und Ethikvorstellungen alles Erdenkliche für eine freie, solidarische und selbstbestimmte Gesellschaft zu tun.

In eigener Sache: Zu einem Antikapitalismus in welcher Form auch immer, gehört auch die kritische Reflektion der eigenen Meinung. Besonders der penetrante Antiamerikanismus der Neonazis macht das Thema äußerst pikant. Wir verabscheuen die menschenverachtende Ausbeuter-Wirtschaft, den Konsumterror, die Ölkriege, wie es jeder humanistisch erzogene Mensch tun muss. Doch wir distanzieren uns deutlich von der faschistischen Argumentation einer jüdischen Weltverschwörung und eines Kampfes ums Dasein – es gibt keinen rechten Antikapitalismus. Hinter faschistischer Globalisierungskritik verstecken sich Nationalismus, Antisemitismus und Rassenwahn.

//. no woman no cry?

Ein anderer wichtiger und leider oft vergessener Bestandteil emanzipatorischer Politik ist der Antisexismus. Tagtäglich sieht mensch sich mit stereotypen Geschlechtsbildern, aufgezwungenen Rollen und nicht zuletzt mit der Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Liebe konfrontiert. Trotz des langen Kampfes für Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, so ist die Dominanz der „großen Männer“ immer noch ein fundamentales Problem auf dem Weg in die emanzipierte Gesellschaft. Wir lehnen jede Form von Sexismus ausdrücklich ab! Smash homophobia.

Ring frei!

„…Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!
Seid misstrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für
euch erwerben zu müssen.
Wacht darüber, dass eure Herzen nicht leer sind, wenn mit
der Leere eurer Herzen gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet!
Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!“
- Günter Eich

antifaschistische offensive neubrandenburg, mai 2007